WAS AM ENDE BLEIBT

Anständig

Erich Klein | aus HEUREKA /19 vom 27.03.2019

Es ist ein Rätsel, weshalb sich seit hundert Jahren ständig alles wiederholt. Die Zehn Gebote waren schon alt, der Klassenkampf noch jung und die Frage, was Ethik der Revolution bedeuten sollte, nicht zu beantworten. Moral galt seit geraumer Zeit ohnehin als "provisorisches" oder "kritisches" Unterfangen. Sollte Chaos kommen, weil die Ordnung versagt hatte?

Es ist bezeichnend, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Versuchsstation für den Weltuntergang Wien nur noch die Spitze der Feder und die Tragfähigkeit der Wörter ein Maß für Moral abgaben. Etwa so: Kommt ein junger Mann zu Karl Kraus. Der fragt: "Und, was wollen Sie studieren?" - "Wirtschaftsethik!" - Daraufhin Kraus: "Da werden Sie sich aber entscheiden müssen!"

Wären Ethik und Ästhetik tatsächlich eins, wie damals vom allerstrengsten der Philosophen behauptet wurde, dem allerdings auch klar war, dass die Welt des Seins und jene des Sollens ihre Unterscheidbarkeit aus privater Erleuchtung beziehen, die Anekdote hätte allen Reiz verloren!

Die Wahrheit ist ein Heer von Metaphern, von Wirtschaft keine Rede, Moral aber braucht Paradoxe. Noch durchtriebener war das Spiel im Fall der Verunglimpfung des Klassikersatzes: "Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken.""Zweck" war als höherer Sinn von einem Schuster im Zivilberuf zum philosophischen Terminus erhoben worden: "Zwecke" waren ein Synonym für Schusternagel.

Derartige Sprachspiele wurden schließlich durch Katastrophen hinweggefegt, bis über den Schlachtfeldern wieder Ruhe eintrat. Plötzlich war aus den Trümmern wieder der Ruf nach Moral zu vernehmen, ja selbst die Zehn Gebote schienen einen Moment lang wieder ins Recht gesetzt. Erst später wurde bekannt, was Heinrich Himmler in seiner Posner Geheimrede vor SS-Mördern 1943 gesagt hatte: "Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen, oder wenn 1.000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte."

Welcher Erleuchtung bedurfte es, danach noch einmal umstandslos polemisch die Rede von "den Anständigen" zu erheben?

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