Die Stunde der Possibilisten

Markus Hengstschläger über die Möglichkeiten der Biotechnologie und deren ethische Folgen

Interview: Dieter Hönig | aus HEUREKA /19 vom 27.03.2019

In China kamen im Dezember 2018 zwei Mädchen zur Welt, deren Erbgut künstlich verändert worden war. Ein Vorgang, der auch unter Wissenschaftern auf heftige Kritik stieß. Selbst Pragmatiker wie der Genetiker Markus Hengstschläger von der Medizinischen Universität Wien liefen dagegen Sturm. Er ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik der Medizinischen Universität Wien, stellvertretender Vorsitzender des Rats für Forschung und Technologieentwicklung, stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, Universitätsrat der Universität Linz und Bestsellerautor.

Wir sprachen mit ihm drüber, ob alles, was in der Humangenetik heute bereits möglich ist, auch gemacht werden soll.

Herr Hengstschläger, wann halten Sie das sogenannte "Genome Editing" für gerechtfertigt und wann ist es abzulehnen?

Markus Hengstschläger: Bei der sogenannten somatischen Gentherapie werden genetische Eingriffe vorgenommen in der Hoffnung, dadurch bestimmte Erkrankungen therapieren zu können. Das betrifft dann in der Regel ein bestimmtes Organ oder Gewebe einzelner Patientinnen und Patienten. Solche therapeutischen Ansätze halte ich für ethisch begrüßenswert, solange sie ausschließlich für die Therapie von Erkrankungen und nicht zu Verbesserungszwecken, also "Enhancement" und Gen-Doping eingesetzt werden. Aber auch in diesem Bereich ist noch sehr viel Forschung notwendig, um ungewollte Nebeneffekte eines Tages entsprechend vermeiden bzw. minimieren zu können. Bei der sogenannten Keimbahntherapie würde der genetische Eingriff aber so früh in der Embryonalentwicklung vorgenommen, dass mehr oder weniger alle Zellen, also der Mensch in seiner Gesamtheit, genetisch verändert wäre. Solche genetischen Veränderungen könnten sich dann auch an alle nachfolgenden Generationen vererben. Das halte ich aus heutiger Sicht, aus ethischen und medizinischen Gründen, für nicht vertretbar.

Welche sind diese ethischen und medizinischen Gründe?

Hengstschläger: Dazu gäbe es viel zu sagen. Ich glaube, dass hier eine Vielzahl neuer, nahezu unlösbarer ethischer Fragestellungen aufgeworfen werden könnten, mit denen wir noch nie konfrontiert waren. Aber auch aus der naturwissenschaftlichen Sicht spricht zum aktuellen Stand der Wissenschaft vieles dagegen. So macht die Tatsache, dass wir heute noch viel zu wenig über die Wechselwirkungen von Genen, aber auch über die Epigenetik im Ganzen wissen, seriöse Abschätzungen der Folgen solcher Eingriffe für die nächsten Generationen äußerst schwierig. Dazu kommt auch, dass die Technologie des "Genome Editing" noch nicht vollkommen ausgereift ist und es daher wahrscheinlich immer wieder zu ungewollten Nebeneffekten, sogenannten "Off-target effects" kommt. Deren Konsequenzen können wir heute noch in keiner Weise abschätzen.

Halten Sie es für möglich, dass irgendwann jener genetische Eingriff in die Keimbahn, also am Embryo, zwecks Optimierung des Einzelnen sowie in weiterer Folge für die nachfolgenden Generationen zur Selbstverständlichkeit werden könnte?

Hengstschläger: Aus oben genannten und vielen anderen Gründen besteht heute breiter internationaler Konsens darüber, die Keimbahntherapie über "Genome Editing" nicht anzuwenden. Es ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht wirklich vorhersehbar, ob und unter welchen Umständen sich das in Zukunft einmal ändern könnte, übrigens auch, wenn es um die Frage von Therapien geht. Ich hoffe aber sehr, dass das Optimieren des Einzelnen bzw. in weiterer Folge der ganzen Menschheit niemals ernsthaft in den Fokus der Anwendung dieser Technologien rückt.

Aber wer entscheidet letztlich darüber, was sein darf und was nicht?

Hengstschläger: Genetikerinnen und Genetiker, die wie ich in der Grundlagenforschung, etwa im Bereich der Stammzellforschung arbeiten und zusätzlich auch im Bereich der genetischen Diagnostik an Patienten tätig sind, brauchen sowohl im Sinne der Forschung als auch der Patienten gute und klar beschriebene gesetzliche Rahmenbedingungen. Ich glaube zum Beispiel, dass das aktuelle österreichische Gentechnikgesetz sowie das Fortpflanzungsmedizingesetz, bei deren Weiterentwicklungen ich mich in den letzten Jahren auch persönlich beratend einbringen durfte, grundsätzlich gute Bedingungen schaffen. Der Prozess, der dazu führte, basiert auf der Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die Medien müssen gemeinsam mit der Wissenschaft den aktuellen Stand der Forschung objektiv, unter Darstellung aller Pros und Kontras und möglichst allgemein verständlich vermitteln. An unserer Gesellschaft liegt es dann, sich daraus eine Meinung zu bilden. Und die Politik ist gefordert, das umzusetzen und in Gesetze zu gießen, um optimale Rahmenbedingungen für Wissenschaft oder Patientenversorgung zu etablieren.

Aber Mehrheiten müssen nicht unbedingt Recht haben

Hengstschläger: Es ist mir natürlich bewusst, dass demokratische Mehrheiten oder demokratische Prozesse im Allgemeinen nicht notwendigerweise Recht haben müssen und auch nicht zwingend immer zu den richtigen ethischen Ansätzen führen. Aber was wäre denn die Alternative?

Sie glauben, Genetiker seien in ethischen Fragen überfordert und sollten daher in diesen Dingen den Rat von Philosophen und Theologen einholen. Aber sind diese, mangels jeglicher Sachkenntnis, nicht mindestens ebenso überfordert?

Hengstschläger: Richtig, daher braucht es auch Naturwissenschafter, die sich für Ethik ernsthaft interessieren und engagieren. Ich gebe Ihnen aber natürlich Recht, dass es sehr wichtig ist, dass Vertreter anderer Fachrichtungen dazu bereit sind, ein entsprechendes Fachwissen im Bereich Genetik zu erwerben. Denn nur so ist es auch möglich, einen zielführenden ethischen Diskurs zu diesen Themen zu führen.

Sie sagten jüngst, dass die "Präzisionsmedizin"(siehe Seite 14) zum Wohle der Patienten in absehbarer Zeit auf eine weitere Stufe gehoben werde

Hengstschläger: Ich glaube, dass die Medizin vor einer Revolution steht oder sich bereits in einem solchen Prozess befindet. In Zukunft werden die Erhebung und Auswertung unzähliger Parameter, auch durch Künstliche Intelligenz, die Etablierung ganz neuer, präzise auf die individuelle Situation der Patienten zugeschnittener Therapien ermöglichen.

Welche sind für Sie die wichtigsten ethischen Fragen in Biomedizin und Genforschung?

Hengstschläger: Wir müssen uns fragen, wie wir mit den Folgen der Entwicklungen sowie der Verschmelzung von Informationsund Biotechnologie umgehen werden. Die neuesten Entwicklungen in der Humangenetik bzw. -medizin im Allgemeinen beinhalten in Zeiten von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, "Big Data" oder "Predicitive Analytics" noch nie dagewesene Chancen, aber natürlich auch Risiken. Bei all dem damit verbundenen Enthusiasmus und der durchaus berechtigten Hoffnung auf die Entwicklung neuer Therapieansätze für viele Erkrankungensind verständlicherweise auch viele Ängste verbunden.

Wer ist hier besonders gefragt?

Hengstschläger: Weder blauäugige Optimisten noch resignierende Pessimisten, sondern Possibilisten, also Menschen, die Möglichkeiten sehen. Diese müssten den Mut aufbringen, um in dieses neue Zeitalter der Medizin aufzubrechen. Auch wenn man nicht weiß, ob und wann man das gewünschte Ziel erreicht. Wissenschaft, ausgestattet mit entsprechenden finanziellen Rahmenbedingungen und begleitet von dem notwendigen ethischen Diskurs führt auch zu jenen überraschenden Entdeckungen, die es uns ermöglichen, immer wieder neue Lösungen zu finden. Also auch solche, nach denen wir gar nicht gesucht haben. Nur so wird es uns schließlich gelingen, neue Innovationen zu entwickeln, die zum Durchbruch in der Humangenetik führen.

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