HORT DER WISSENSCHAFT

Grimms Ethik

Martin Haidinger | aus HEUREKA /19 vom 27.03.2019

Es war ein kathartisches Moment, als mir der Düsseldorfer Germanist und Märchenforscher Heinz Rölleke einst darlegte, dass in Grimms Märchen ein gravierender Unterschied zwischen den Begriffspaaren "gut/böse" und "richtig/falsch" bestünde und dafür das Beispiel der Lebkuchenhausbewohnerin brachte. Wenn auch der Feuertod der Hexe die Folge einer bösen Tat zweier Teenager gewesen sei, so hätten Hänsel und Gretel nach den Gesetzen der Märchenwelt dennoch richtig gehandelt, als sie die Alte den Flammen überantworteten. Waren die heldenhaften Grimm'schen Rabauken vielleicht die ersten Tugendterroristen?

Mögen Christgläubige aller Couleur noch von der reinigenden Kraft des Hexenfeuers für die armen Seelen überzeugt gewesen sein, so gilt seit dem "terreur" der Französischen Revolution auch für viele pagane Tugendfreunde brutale Gewalt dort als gerechtfertigt, wo sie ihrer Konstruktion von Moral entspricht. Wenn simpel gestrickte Diktatoren recht eindimensional im Sinne primitiven Machterhalts morden, ziehen die Tugendhaften ohne Unterlass ihre moralische Überlegenheit als Argument für die eigenen Bluttaten aus dem Hut - und das seit 1793 unlimited. Hieß die oberste Tugendbehörde damals noch euphemistisch "Wohlfahrtsausschuss", nahm sie im 19. und 20. Jahrhundert die Gestalt von Räten an, denen nach revolutionärer Lesart alle Macht gebühre. Die Postmoderne legte dann die Moral ad acta und ersetzte sie durch die Ethik. Die Räte aber blieben.

Nun ist guter Rat bekanntlich teuer und die Frage kommt auf, wie man die Schuljugend Österreichs heute möglichst billig und effektiv ethisch unterweisen kann. Eine tugendhafte Filmemacherin hat einmal angeregt, die Kinder dazu einfach ihren austriazistisch verbohrten Eltern wegzunehmen. Dieser Vorschlag wurde wegen allzu peinlicher zeithistorischer Verwandtschaften wieder schubladisiert. Auch kommen wir mit der Hänsel-und-Gretel-Geschichte nicht mehr weiter. Es müssten sich schon bessere Stories finden, um klarzumachen, was richtig und was falsch ist, wer die Guten und wer die Bösen sind, gegen wen man mit Gewalt vorgehen darf (oder gar soll) und wer tabu ist. Und wer die Polkappen zum Schmelzen bringt.

Dabei würde ein Tugendwächter pro Schule genügen, der als klassenloser Springer von Klasse zu Klasse wandert, in alter, ethischer Tradition zuhört und fallweise einen Verweis gegen unbotmäßige Schüler ausspricht. Denn nur durch Tadel werden die Kleinen klüger. Schwarze Pädagogik? Aber nicht doch! Der Mensch will erzogen werden. Notfalls im Hexenofen.

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