Fragen nach dem guten Leben

Die Philosophin Katharina Lacina plädiert für einen Ethikunterricht ab dem Volksschulalter

Interview: Barbara Freitag | aus HEUREKA /19 vom 27.03.2019

Katharina Lacina ist Philosophin an der Universität Wien. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet sie als philosophische Praktikerin mit Spezialisierung auf Ethik und Methoden der Vermittlung philosophisch und geisteswissenschaftlich relevanter Themen in Bildungsinstitutionen und in der Öffentlichkeit.

Warum ist Ethikunterricht heute so wichtig?

Katharina Lacina: Eigentlich ist es ein Wahnsinn, dass Ethik bisher nicht verpflichtend unterrichtet wurde. Denn es geht darum zu lernen, wie man sich als soziales Wesen in der Welt orientieren kann. Fragen nach einem guten Leben, nach Gerechtigkeit, Glück und einem gelungenen Miteinander brauchen Raum für einen vernunftgeleiteten Diskurs. Besonders das Moment der argumentativen Stärkung würde ich ganz nach oben reihen. Man muss üben, Argumente auszutauschen, unterschiedliche Ansichten zu evaluieren, eigene Standpunkte zu überprüfen und gegebenenfalls auch revidieren zu können. Man muss lernen, es auszuhalten, dass gut begründete Standpunkte auch nebeneinanderstehen können.

Hat Ethik nicht auch große Bedeutung im Religionsunterricht?

Lacina: Natürlich werden auch im Fach Religion Wertesysteme und Normen unterrichtet, auch dort kann man lernen, zu debattieren und Standpunkte zu begründen. Doch die Basis ist und bleibt der Glaube. Religiöse Moral leitet sich letztlich aus einer Offenbarung göttlichen Ursprungs ab. Die Religionsdidaktik hat sich zweifellos verändert, trotzdem bleibt ein wichtiger Unterschied: Ist die Moral, sind die Handlungsrichtlinien das Ergebnis göttlicher Gebote oder rationaler Argumente? Historisch betrachtet reicht die ethische Tradition länger zurück als das Christentum. Die Frage nach einem guten Leben in der Gemeinschaft haben sich Philosophen schon vierhundert Jahre vor Christus gestellt.

Warum sollte Religion überhaupt an Schulen unterrichtet werden?

Lacina: Religionen sind Teil unserer Kultur. Konfessionell gebundene Schüler haben das Recht auf anspruchsvolle religiöse Bildung. Anleitung zu geben, sich auch in religiösen Fragen zu bilden, ist Anspruch und Aufgabe der Schulen. Die Ausbildung für Religionslehrer ist heute qualitativ hochwertig. Man soll ja auch als Angehörige einer Glaubensgemeinschaft lernen, sich mit seiner Religion differenziert auseinanderzusetzen und sich ein Wissen aneignen, das über die rein religiöse Praxis hinausgeht.

Die Kinder sollten ja auch lernen, was andere Religionen ausmacht ...

Lacina: Auch das ist Teil des Ethikunterrichts, wobei es natürlich nicht um eine Anleitung zum Glauben geht. Religionen werden auf einer Metaebene thematisiert, es wird dabei eine Äquidistanz zu den Religionen eingenommen. Aus meiner Sicht gehört ein grundlegendes Wissen über die großen Weltregionen zur Allgemeinbildung. Jeder Mensch sollte wenigstens die Bedeutung der hohen christlichen Feiertage oder die fünf Säulen des Islam kennen und wissen, was zu Jom Kippur oder zu Chanukka eigentlich gefeiert wird.

Die Ausbildung für Ethiklehrer ist momentan noch inhomogen, nachdem das Fach ja die längste Zeit als Schulversuch gelaufen ist.

Lacina: Die Schulen mit Ethikunterricht hatten anfangs unterschiedliche Lehrpläne. Im Lauf der Zeit wurden prototypische Lehrpläne entwickelt, die für alle ein gemeinsamer Orientierungspunkt waren. Natürlich wussten die ausbildenden Stellen, welche Inhalte für einen gelungenen Ethikunterricht wichtig sind. Aber es hat diesen Lehrplänen trotzdem immer der Makel der Unverbindlichkeit angehaftet. Es gab Lehrgänge an der Universität Wien und an den Pädagogischen Hochschulen, die sich großer Beliebtheit erfreut haben. Seit Kurzem haben wir an der Universität Wien ein Masterstudium "Ethik für Schule und Beruf" implementiert, das man nach einem Bachelor- Studium der Philosophie oder der Religionswissenschaft belegen kann.

Wäre es nicht optimal, würden Lehrende des Faches Philosophie und Psychologie, also PP, auch Ethik unterrichten?

Lacina: Dass in Kürze alle Lehrenden, gleich welchen Faches, die Zusatzausbildung von 60 ECTS-Punkten machen können, mag der Furcht geschuldet sein, kurzfristig nicht genügend Lehrpersonal zu haben. Wichtig ist es, darauf zu achten, dass dieser Zustand nur eine Übergangslösung bleibt. Danach sollte unbedingt ein reguläres Lehramtsstudium Ethik eingeführt werden, gleichberechtigt mit allen anderen Studienfächern und Unterrichtsgegenständen. Warum sollte Ethik etwas sein, das man als Lehrender gerade so ein bisserl nebenbei mitunterrichten kann? Angesichts des umfangreichen Gegenstandes wäre es nicht schlüssig, ihm weniger Ausbildungsumfang zu widmen. Ich bin sicher, dass die Schüler den Unterricht gut annehmen werden, denn es macht Spaß, sich mit den grundlegenden Fragen nach einem guten Leben und dem richtigen Handeln zu beschäftigen. Gut argumentieren zu können, zu lernen, ein Argument von der es äußernden Person zu trennen und sachlich zu diskutieren sind wesentliche Fähigkeiten mündiger Menschen. Das muss man aber durch Tun, durch Praxis üben. Daher plädiere ich auch dafür, mit dem Ethikunterricht schon im Volksschulalter zu beginnen. Je länger man üben kann, desto besser für alle.

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