Klimagerechte Energiegewinnung

Angesichts des Klimawandels ist eine neue technologische Ethik notwendig

Text: Johannes Schmidl | aus HEUREKA /19 vom 27.03.2019

Menschen verändern ihren Planeten zumindest seit Beginn der Industriellen Revolution vor 250 Jahren immer deutlicher und tiefwirkender. Nicht aus Bosheit, die Umgestaltung ist ein Kollateraleffekt ihres Strebens, sich das Leben angenehmer und besser zu gestalten. Es ist ja auch eindrucksvoll gelungen: Die messbare Lebensqualität hat sich seit Beginn der Industriellen Revolution dramatisch verbessert. Auch deshalb, weil wir uns ein System aufgebaut haben, das uns jederzeit kostengünstig und ausreichend mit Energie versorgt.

Wir überfrachten unsere Atmosphäre mit Kohlendioxid Dieses Erfolgssystem bedroht jetzt aber immer deutlicher das Weiterleben der Menschheit als Gattung. Es beruht nämlich im Wesentlichen darauf, die in der Erdkruste in Form von Kohle, Erdöl und Erdgas über viele Jahrmillionen abgelagerten Kohlenstoffreserven mit immer raffinierteren technischen Mitteln zu gewinnen, umzuformen, zu verbrennen und die Verbrennungsprodukte, im Wesentlichen Kohlendioxid, in unserer Atmosphäre zu deponieren. Wir überfrachten bei diesem Spiel unsere Lufthülle mit Kohlendioxid, aktuell Jahr für Jahr mit etwa der zwanzigfachen Masse dessen, was wir jährlich weltweit an Stahl produzieren. Seit Beginn der Industriellen Revolution hat die Menge an Kohlendioxid in unserer Luft aufgrund des stetigen Verbrennens von fossilen Energieträgern um etwa fünfzig Prozent zugenommen. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Eine der dramatischsten ist die Veränderung, konkret: die Überhitzung des irdischen Klimas. Das CO2 verteilt sich über die globale Zirkulation weltweit, die Folgen dessen sind deshalb auch weltweit zu erwarten und teilweise schon zu spüren. "Klimaänderung" bedeutet aber nicht, dass es ein wenig wärmer wird. Die Forschung erwartet zum Teil desaströse Folgen: Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber sieht das gemeinsame Interesse aller bedroht, nämlich die Zukunft unserer Zivilisation. Klimaethik betreiben wir also in erster Linie, um uns selbst zu schützen. Sie ist der Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation.

Eine Ethik für die technologische Zivilisation Der Philosoph Hans Jonas (1903-1993) hat seinem Hauptwerk, dem Prinzip Verantwortung (1979), diesen Untertitel gegeben. Für Jonas resultierte die Krise aus der Überdimensionierung der erfolgreichen naturwissenschaftlich-technisch-industriellen Zivilisation.

Laut Jonas sei es notwendig, sich vorausdenkend eine rationale Vorstellung von der zeitlichen und räumlichen Fernwirkung der menschlichen Taten zu verschaffen. Er fordert ein dem Vorgestellten angemessenes Gefühl, also die Bereitschaft, sich vom erst gedachten Heil und Unheil kommender Geschlechter empathisch bewegen zu lassen.

Für den drohenden Klimawandel, der die tragenden Säulen des weltweiten Wirtschaftens und Zusammenlebens bedroht, sind die Modelle inzwischen so überzeugend, ist die wissenschaftliche Basis so gut verstanden und ist vor allem der antizipierte Schaden derart verheerend, dass globale ethische Reaktionen mehr als notwendig erscheinen. Der Klimawandel droht die Slums in Mumbai unbewohnbar zu machen, aber auch neue Flüchtlingsströme aus Afrika über das Mittelmeer zu treiben. Die einleuchtende Unheilsprognose ist, so Hans Jonas, maßgeblicher als die vielleicht nicht weniger einleuchtende, aber auf eine essenziell niedrigere Ebene bezogene Heilsprognose. Den Vorwurf des Pessimismus und der Parteilichkeit für die Unheilsprophetie beantwortet Jonas damit, dass der größere Pessimismus aufseiten derer sei, die das Gegebene für schlecht oder unwert genug halten, um damit ihre möglicherweise katastrophalen Experimente anzustellen.

Jonas' Hauptwerk erschien im Jahr 1979, noch vor den "COPs", den "Conferences of the Parties", den seit dem Jahr 1995 etwa im Jahresabstand abgehaltenen internationalen Klimakonferenzen. In diesen wird darüber verhandelt, wie der Schutz des irdischen Klimas zum Anliegen aller Staaten der Erde gemacht werden kann. Als bisher erfolgreichste gilt die COP 21 aus dem Jahr 2015 in Paris, bei der es gelang, sich weltweit darauf zu verständigen, den zu erwartenden Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius zu begrenzen und Anstrengungen zu unternehmen, unter 1,5 Grad zu bleiben.

Technologische Lösungen für die Klimakrise sind bekannt Schon seit zumindest 500 Jahren haben Philosophen versucht, das Problem knapper Ressourcen, um das es auch in der Klimaethik geht, zu bewältigen. Dabei sind zwei Familienähnlichkeiten von gesellschaftlichen Gedankenexperimenten entstanden: Das erste geht auf Thomas Morus zurück, der 1516 in seiner Utopia vorschlug, den Ressourcenverbrauch für alle radikal auf das Lebensnotwendige zu begrenzen, dieses aber allen kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Das zweite Gedankenexperiment formulierte Francis Bacon im Jahr 1627 in seiner Utopie Nova Atlantis. Er verzichtete weitgehend auf Einschränkungen und schlug vor, die im Übermaß spendende Natur durch Naturwissenschaften und Technik zum Wohle der Menschen zu nutzen.

Die Gesellschaft wird sich den Lösungsvorschlägen der erzwungenen Maßhaltung und des kollektiven Verzichts aus dem Fundus von Thomas Morus auch weiterhin nur ungern unterwerfen. Dann bleiben die technologischen Lösungen im Geiste von Francis Bacon. Die gute Nachricht: Diese technologischen Lösungen für die Klimakrise sind inzwischen bekannt und demonstriert und sie werden immer kostengünstiger. Sie schöpfen die Energie im Wesentlichen aus dem Energiestrom der Sonne und nicht mehr aus den problematischen und endlichen Kohlenstoffbeständen in der Erdkruste.

Es sind Technologien wie Photovoltaik oder Solarthermie, die Sonnenstrahlung direkt in nutzbare Energie umwandeln, oder ihre indirekten Wirkungen wie den Wind, das fließende Wasser oder die nachwachsende Biomasse nutzen.

Klimaschonende Energielösungen sind sichtbar Diese neuen technischen Lösungen, also die Nutzung erneuerbarer Energien, werden im Gegensatz zum gefährlichen, alten, fossilen System sichtbar sein. Sie ernten die in ihrer Menge überwältigend großen, aber auf die ganze Welt ziemlich gleichmäßig und vergleichsweise dünn verteilten Energieströme der Sonne.

Ein weitum sichtbares Windrad verfügt über eine Leistung von etwa drei MW (Megawatt). Durch den dünnen Benzinschlauch, mit dem man für zwei Minuten ein Auto betankt, fließt mit 18 MW das Sechsfache an Leistung, etwa ein Zehntel der Leistung des Donaukraftwerks Freudenau. Der Treibstoff verschwindet nach seiner Verbrennung als CO2 ebenso unsichtbar in unserer Atemluft, wie er vor seiner Gewinnung unsichtbar in der Erdkruste gelagert war und in Pipelines weitgehend unsichtbar über ganze Kontinente verteilt wird.

Sichtbare Eingriffe sind der Preis für die notwendige solare Energierevolution. CO2 ist unsichtbar, auch die 36 Milliarden Tonnen, die wir pro Jahr in unserer Atemluft deponieren. Unsichtbar -aber eben nicht ohne Wirkung.

Das zusätzliche Kohlendioxid aus jedem einzelnen Liter Öl, den wir irgendwo auf der Welt verbrennen, verteilt sich über die Jahre in der gesamten Atmosphäre und entfaltet dort seine Wirkung. Überall auf der Welt, in jedem Liter Atemluft, den irgendjemand irgendwo einatmet, finden wir von diesem einen Liter Öl in der Folge 5.000 zusätzliche CO2-Moleküle. Bei einem Kilogramm Kohle sind es etwas mehr, bei einem Kubikmeter Erdgas etwas weniger.

Wir verdanken unsere Lebensqualität unserer technischen Zivilisation. Über die irdische Atmosphäre, deren Luft wir alle atmen und in der wir die Produkte unserer Verbrennungsprozesse so gedankenlos deponieren, sind wir aber auch alle auf eigenartige Weise miteinander verbunden. Sie zu erhalten -als wesentliches Element für die Bewahrung des irdischen Klimas und des Zusammenlebens auf dem gemeinsamen Planeten - ist ein Ziel, das einer gemeinsamen Ethik dringend bedarf.

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