ETHIK IM COMPUTER

Das Gewissen der Roboter angesichts verschiedener Ethiklehren

Wer sorgt für das Gewissen der Roboter? Die Philosophin Janina Loh meint, dass man es nicht allein den Programmierern überlassen dürfe

Claudia Stieglecker | aus HEUREKA /19 vom 27.03.2019

Welchen Platz wählt man als Gast an einer gedeckten Tafel? Fest steht: Nicht die Stirnseite, denn die ist dem Gastgeber vorbehalten. Möchte dieser seinen Gästen die freie Wahl lassen, so verwendet er besser einen runden Tisch: Hier wird die Platzwahl ausschließlich von persönlichen Vorlieben bestimmt, denn alle Plätze sind gleichwertig. "Das Design des Tisches impliziert ethische Werte", sagt Janina Loh vom Institut für Philosophie an der Universität Wien. Alles, was Menschen tun und schaffen, werde bewusst oder unbewusst durch Normen und Werte bestimmt.

Seit 2014 beschäftigt sich Janina Loh intensiv mit Technikphilosophie: "Technologien werden von Menschen geschaffen und sind daher auch nicht neutral." Ihr Spezialgebiet ist die Roboterethik, welche sich mit den moralischen Kriterien befasst, die im Bau und im Umgang mit Robotern und im Verhältnis von Menschen und Robotern eine Rolle spielen. Im kommenden Herbst wird dazu auch ihr Buch "Roboterethik -Eine Einführung" erscheinen.

Alle Roboter sind Maschinen, aber nicht alle Maschinen sind Roboter Doch was ist eigentlich ein Roboter? "Der Begriff Roboter geht auf das tschechische Wort 'robota' zurück, was Zwangsarbeit oder Frondienst bedeutet." Loh definiert Roboter als elektromechanische Maschinen mit Prozessoren und Sensoren, die Informationen über die Umgebung sammeln und übersetzen können. "Alle Roboter sind Maschinen, aber nicht alle Maschinen sind Roboter", erklärt sie. Ein Roboter verfügt über eine wie auch immer geartete Form von Körper und muss wirken, als wäre er autonom und könne außerdem auf seine Umgebung einwirken.

Roboter haben Einzug in viele Bereiche unseres Lebens gehalten. Sie finden sich mittlerweile in der Industrie genauso wie in Medizin, Pflege, Haushalt oder Verkehr. Dementsprechend offensichtlich werden auch die Problematiken, die damit einhergehen - etwa, wenn in einer fiktiven Notsituation im Straßenverkehr ein autonomes Fahrsystem zwischen der Kollision mit einem älteren Menschen und einer Kindergruppe wählen muss. "Eine Maschine macht nichts, was nicht vorher schon implementiert wurde", meint Loh. "Menschen haben zwar im Grunde dasselbe Problem wie die Maschine, können aber zusätzlich auf ihren gesunden Menschenverstand, ihren freien Willen, zurückgreifen. Dies steht dem Roboter nicht zur Verfügung."

Welcher Ethik sollen die Roboter künftig verpflichtet werden?

Nach welcher Maßgabe sollen Roboter also entscheiden?"Die ethischen Kriterien sind hier noch völlig unklar", betont Loh. Der westliche Kulturkreis sei im Wesentlichen von drei Ethiktraditionen geprägt, erklärt sie: Die deontologische Ethik einerseits, welche die moralische Güte einer Handlung nach ihrer Intention bewertet.

Der Utilitarismus andererseits, in dem die Maximierung des Gesamtnutzens im Vordergrund steht. Bei der aristotelischen Tugendethik schließlich ist der Charakter des Menschen der Maßstab. "Unser Alltag folgt keiner der Schulen eindeutig, die Ethiktraditionen werden miteinander vermischt." Für Maschinen aber müsse schon im Vorhinein festgelegt werden, gemäß welcher Tradition sie funktionieren sollen. "Es gibt da einfach keine richtige Lösung", meint Janina Loh. "Daher müssen die Menschen, die in der Lage sind, diese Sachen zu programmieren, entsprechend ausgebildet werden." Eine sinnvolle Ausbildung sollte laut Loh schon in der Schule ansetzen: "Technik sollte im Ethikunterricht und Ethik in den Computerfächern unterrichtet werden." Auch in der weiterführenden technischen Ausbildung müsse Ethik in der Lehre berücksichtigt werden: "Die Medizin zum Beispiel ist hier schon einen Schritt weiter. Ethik ist längst ein selbstverständlicher Teil der Ausbildung."

Verpflichtende ethische Weiterbildungsmaßnahmen in Unternehmen für die derzeitigen Programmierer, Designer und Ingenieure und institutionelle, politische Ethikgremien seien außerdem vonnöten. "Die essenzielle Problemstellung von Ethik und Technik erfordert ein Zusammenspiel all dieser Maßnahmen", betont Janina Loh. "Man kann die Verantwortung nicht allein der Programmierung geben."

Buchtipp

Janina Lohs "Roboterethik. Eine Einführung" erscheint voraussichtlich im September als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag

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