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Impfpflicht?

Florian Freistetter | aus HEUREKA /19 vom 27.03.2019

Braucht Österreich eine Impfpflicht oder nicht? Immer mehr Kinder erkranken etwa an Masern, die schon längst ausgerottet sein könnten. Der naturwissenschaftliche Teil dieser Debatte ist seit langer Zeit abgeschlossen. Wir wissen, dass Masern keine "harmlose Kinderkrankheit" ist, sondern eine, die schwerwiegende Schäden verursacht, das Immunsystem schwächen und bis zum Tod führen kann. Den fast schon euphemistischen Namen "Kinderkrankheit" hat diese virale Infektion nur erhalten, weil sie so aggressiv und ansteckend ist, dass man kaum erwachsen werden kann, ohne sie zu bekommen. Es sei denn, man ist dagegen geimpft.

Die medizinische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten gut wirksame Impfungen entwickelt, deren Nebenwirkungen minimal sind. Die Argumente der "Impfskeptiker" sind wissenschaftlich nicht haltbar. Studien von Personen wie dem mit einem Berufsverbot belegten britischen Arzt Andrew Wakefield, der behauptete, die Masernimpfung könne Autismus hervorrufen, wurde als Täuschung entlarvt und widerlegt.

Die Medizin weiß also nicht nur, wie man einer Krankheit wie den Masern effektiv entgegentreten könnte. Sie wäre auch in der Lage, diese Krankheit auszurotten. Ob man zu diesem Zweck Menschen per Gesetz verpflichten soll, sich impfen zu lassen, ist eine Frage, die außerhalb der Naturwissenschaften liegt. Hier geht es nicht mehr nur um Medizin, sondern um Ethik, Politik und die Art, wie wir unsere Gesellschaft organisieren wollen. Die Wissenschaft soll in dieser Debatte mitreden, hat aber zu akzeptieren, dass die Diskussion auch abseits wissenschaftlicher Argumente geführt werden muss.

Wissenschaft, Politik und Ethik treffen nicht nur in der Debatte um eine Impflicht aufeinander, sondern auch, wenn es um den Klimawandel und die politischen Entscheidungen, die hier zu treffen sind, geht. Oder bei der Frage nach dem Einsatz von Gentechnik. Wissenschaft prägt unsere Welt in so gut wie allen Bereichen. Gerade das macht sie so wertvoll und wichtig. Und gerade deswegen darf sie sich einer Diskussion über Ethik nicht verschließen. Wissenschaft muss akzeptieren, dass ihre Arbeit Folgen für die Gesellschaft hat, und das ernsthafte Gespräch mit der Öffentlichkeit suchen.

MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS. DE/ASTRODICTICUM-SIMPLEX

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