WAS AM ENDE BLEIBT

Weitertanzen

ERICH KLEIN | aus HEUREKA /19 vom 22.05.2019

Bei der Eröffnung des Mahnmals der Stadt Wien für die Opfer des Faschismus am Wiener Zentralfriedhof kam es 1948 zum Skandal: Kardinal Innitzer wollte die Blöße des nackten Jünglings am hinteren Rand des Ensembles bedeckt sehen. Der Bildhauer Fritz Cremer reagierte unwirsch: "Ich habe für die Grausamkeit der Tyrannei kein Feigenblatt." Die zweite Figur, eine trauernde Frauengestalt, blieb hingegen "namenlos". Dafür hatte die Lebensgefährtin des Bildhauers, die Tänzerin Hanna Berger, Modell gestanden. 1910 als Tochter einer Arbeiterin aus Meidling in beengten Verhältnissen aufgewachsen, entwickelte sie früh Interesse an Musik und Tanz. In Berlin und Dresden ausgebildet, tourte sie bis in die frühen 1930er Jahre durch Europa und Amerika. Auf den Nationalsozialismus reagierte sie mit dem Eintritt in die Kommunistische Partei. "Damit begann meine Bildung als Mensch, mein Künstlersein, meine Verantwortung gegenüber dem politischen Geschehen." 1942 wird sie von einem Berliner Gericht wegen "Ermöglichung staatsfeindlicher kommunistischer Zusammenkünfte in ihrer Wohnung" zu einer mehrjährigen Kerkerhaft verurteilt. "Neun Monate Gefängnis Berlin. Lange Zeit krank. Freigelassen."

Auf einem Foto aus dem Juni 1945 ist Berger bei ihrem ersten Wiener Auftritt mit dem Stück "Kampfruf" zu sehen: Eine schwarzgekleidete Frau schwenkt eine rote Fahne. Trotz Tätigkeiten als Lehrerin, Journalistin und Kulturpolitikerin kann die linke Tänzerin im Wien des Kalten Kriegs nicht Fuß fassen. Ein kleines Wunder rührt dennoch aus diesen Tagen: Vor ihrem frühen Tod 1962 gibt Hanna Berger ihr noch in Kriegszeiten choreographiertes Stück "Die Unbekannte aus der Seine" an eine jüngere Tänzerin weiter. Eine Frau irrt an der Seine entlang und entscheidet sich für den Freitod: "Die Angst vor dem Weiterleben-Müssen -stärker als die vor dem Tod", hatte Berger dazu 1942 notiert. Radikaler und düsterer war kaum jemand künstlerisch gegen die Nazis vorgegangen. Und die Weitergabe des Stückes von Tänzerin zu Tänzerin ist bis heute nicht abgerissen. Eva-Maria Schaller, die aktuelle Performerin dazu: "Kunst ist kein Artefakt im Museum. Ich muss in das Stück hineingehen. Das Tanzen ist dann selbst Politik."

Zu sehen am 29.5. bei "Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne". www.theatermuseum.at

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