Fairtrade bei Plastikrecycling

Die Johannes Kepler Universität in Linz unterstützt das Plastikwiederverwertungsprojekt "Mr. Green Africa" in Kenia

TEXT: DIETER HÖNIG | aus HEUREKA /19 vom 22.05.2019

Während Europa seinen "Plastikmüll" beklagt, sind Plastikflaschen in Teilen Afrikas, etwa in Kenia, notwendig. Denn sie garantieren der Bevölkerung zumindest sauberes Trinkwasser. Auch stellt ihre Wiederverwertung einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung dar.

"Das EU-Parlament schießt mit Kanonen auf Spatzen. Ein durchschnittlicher Österreicher belastet die Umwelt mit seinen Plastiksackerln im Jahr etwa so sehr, als würde er fünfzehn Kilometer Autofahren", sagt Reinhold Lang, Vorstand der Chemie und Kunststofftechnik an der Johannes Kepler Universität Linz. Sein Institut ging 2017 eine Kooperation mit dem "Recycling-Pionier" Keiran Smith ein, besser bekannt als "Mr. Green Africa".

Ein WG-Problem fördert eine Geschäftsidee

Es begann 2014 in einer Studenten-WG in Zürich. Weil sich dort keiner der jungen Männer für die Entsorgung von Plastikmüll zuständig fühlte, reifte in den beiden ehemaligen Wirtschaftsstudenten Keiran Smith und Karim Debabe die Idee heran, ein For-Profit Start-up namens "Mr. Green Africa Ltd." zu gründen. Es sollte sich, so die Vision, der professionellen Entsorgung und Wiederverwertung von Kunststoffmüll widmen und Menschen regelmäßig Arbeit bringen.

Begonnen wurde in Kenia, dem Land mit der stärksten Wirtschaft Ostafrikas, wo jedoch immer noch vierzig Prozent der Menschen in Armut leben. Anfang Oktober 2014 wurde Kenia zu einem Land mittleren Einkommens aufgewertet. Wirtschaftsanalysten wie Jason Braganza meinen, dass diese Entscheidung vor allem unter dem Eindruck der Zahlen aus produktiven Sektoren wie Landwirtschaft, Telekommunikation, Immobilien und Fertigung zustande gekommen sei. Mit Erfolgen bei der Armutsbekämpfung habe sie nichts zu tun.

Den Betreibern des Projekts "Mr. Green Africa" ist es enorm wichtig, den sozio-ökonomischen Gegebenheiten in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommensniveau Rechnung zu tragen. Denn diese sozio-ökonomischen Gegebenheiten sind der Hauptgrund für Fehlentwicklungen bei der Plastikmüllentsorgung.

Die Situation der Abfallwirtschaft in Kenia

In Kenia bzw. in dessen Hauptstadt Nairobi funktioniert die Abfallwirtschaft jedoch nur in eingeschränktem Ausmaß. In den reichen Vierteln wird der Müll gesammelt und unkontrolliert auf Mülldeponien gelagert. Im übrigen Land deponieren die Menschen ihren Haushaltsmist einfach irgendwo auf der Straße, von wo er in unregelmäßigen Abständen von privaten Müllsammlern ("Waste Pickers") eingesammelt und irgendwie zu Geld gemacht wird.

Wie in Entwicklungsländern üblich, lebt auch in Kenia eine Vielzahl an Menschen in Armut und bestreitet ihre Existenz unter anderem damit, aus dem herumliegenden Müll Dinge herauszusuchen, die wiederverwertbar sind. "Waste Pickers" haben weder ein Angestelltenverhältnis, noch sind sie versichert. Der Müll wird zu Mittelsmännern gebracht, die je nach Marktlage zahlen, was kein verlässliches Einkommen ermöglicht. In diesem sogenannten "informellen Sektor" der Abfallwirtschaft sind die Müllsammler das schwächste Glied in der Kette. Sie können nicht verhandeln und sind von einem undurchsichtigen Netzwerk an Agenten abhängig.

Best Practise für Fairtrade-Recycling

Mittlerweile hat "Mr. Green Africa" MGA den Hauptsitz in Nairobi und entwickelt sich mehr und mehr zum Best-Practise-Modell. Keiran Smith und seinem Partner Karim Debabe gelingt es, ihr Geschäft von der ausbeuterischen und undurchsichtigen Wertschöpfung des informellen Recyclingsektors fernzuhalten, einem Netzwerk von Mittelsmännern, Maklern und Zwischenhändlern. Ihr Geschäftsmodell sieht eine Fairtrade-Beziehung zwischen den Müllsammlern und dem Recycling-Unternehmen vor. Letzteres agiert auch als Clearingstelle zur offiziellen Wirtschaft.

Mr. Green Africa errichtete in ganz Nairobi Eigenhandelsstützpunkte, an denen Sammler den von ihnen zusammengetragenen Plastikmüll an Beauftragte der MGA verkaufen können. Von diesen Stützpunkten wird der gesammelte Haushaltsmüll in die MGA-Zentrale gebracht, wo er nach Farbe sortiert, zu Flocken geschreddert und industriemäßig heiß gewaschen wird.

Der Handelspreis pro Kilo Plastikmüll ist fixiert und unterliegt keinen Marktschwankungen. Er wird offen kommuniziert und gilt im Vergleich mit anderen ortsansässigen Schrotthändlern als wettbewerbsfähig. Jeder Müllsammler erhält ein eigenes Lieferantenprofil auf einer mobilen Firmen-App, das seine Produktivität und Verlässlichkeit aufzeichnet und analysiert. Müllsammler, die mit MGA regelmäßig zusammenarbeiten, haben Anspruch auf einen Treuebonus, konkret einen noch besseren Preis für ihr Sammelgut.

Wer die monatlichen Sammelziele erfüllt, erlangt darüber hinaus Anspruch auf Sozialleistungen wie etwa eine Schutzausrüstung für die Arbeit. Durch die Umgehung des Netzwerks an Mittelsmännern ist es auch möglich, den "Waste Pickers" mehr zu bezahlen und stabile Abnahmepreise zu bieten. Mit mittlerweile 2.000 registrierten Müllsammlern bestehen langfristige Abnehmerverträge. Das Tagessalär für jeden Einzelnen beträgt je nach Lieferung zwischen einem und vier US-Dollar.

"Wir von MGA sehen die Müllsammler als unsichtbare Helden der informellen Recyclingwirtschaft", erklärt Keiran Smith. "Sie leisten einen beträchtlichen Beitrag für die lokale Umwelt ebenso wie für die Wirtschaft. Aus unserer Sicht stellen Müllsammler die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft dar. Daher muss das Ende ihrer Ausbeutung ebenso Thema sein wie die notorische Unfähigkeit des informellen Recyclingsektors, hochqualitative, wiederverwertbare Rohmaterialien zu liefern."

"Mr. Green Africa" setzt auf die Linzer Universität

Anfänglich war die Qualität des wiederverwertbaren Materials auch für MGA ein Problem. Es stellte sich heraus, dass es einem einzelnen Unternehmen kaum möglich ist, die Wertschöpfungskette vom Rohstoffabbau bis zum technisch professionellen Recycling allein zu organisieren. Also ging man daran, das MGA-Projekt durch wissenschaftliche Erkenntnisse aus Werkstoffkunde und Materialwirtschaft zu verbessern. Keiran Smith und Karim Debabe knüpften an ihre früheren Kontakte zur Johannes Kepler Universität an und fanden in Reinhold Lang vom "Institut für Polymer Materialien und Testung" IPMT und in Eric Hansen vom "Institut für Integrierte Qualitätsgestaltung" IQD die richtigen Partner, um auch bei Materialqualität und letztlich Absatzfähigkeit der Recyclingprodukte zu punkten.

Das IPMT verfügt über Expertise im Bereich der Kunststofftechnik, im Speziellen in der Materialcharakterisierung und bei Materialtests. Das Hauptaugenmerk der Zusammenarbeit liegt in der Analyse der von MGA produzierten Recycling-Endprodukte. Sie werden vom IPMT thermoanalytisch, spektroskopisch und mechanisch getestet, um ihre Qualität und Eignung für die Kreislaufwirtschaft laufend zu verbessern.

Die bislang größte Verbesserung bringt die Errichtung eines Heißwasch-und Sortierungsfließbands nach industriellen Maßstäben am MGA-Firmensitz in Nairobi. Zuvor hatten Materialtests ergeben, dass die Endprodukte kontaminiert und unzureichend verarbeitet waren, nicht kommerzialisierbare Farben aufwiesen und mechanischen Belastungen nicht standhielten.

Hauptziel der Zusammenarbeit mit dem IQD ist die Analyse des MGA-Geschäftsmodells und der Voraussetzungen, um den informellen Recyclingsektor in eine sozial verträglichere Plastik-Kreislaufwirtschaft zu integrieren.

"Die Kunststoffe, die für Mister Green von den Müllsammlern in Nairobi gesammelt werden, sind stark durchmischt und verunreinigt. Wir haben es mit hochgradig verschmutztem Abfall zu tun. Er muss teils in Handarbeit, aber auch in industriellen Wasch-und Sortierprozessen aufbereitet werden. Nur so erhält man Material von hoher Qualität, das auch wieder im Verpackungsbereich eingesetzt werden kann", erklärt Melanie Wiener vom IQD.

Die Recyclingprodukte von MGA können sich mittlerweile in Zusammensetzung und Eignung für die Weiterverarbeitung mit jenen in Europa messen. "Unsere Erkenntnisse zeigen, dass der informelle Recyclingsektor durchaus mit sozialen und sozio-ökonomischen Verbesserungen für die arbeitenden Menschen einhergehen kann", sagt Wiener.

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