HORT DER WISSENSCHAFT

Im Balkonstaat

MARTIN HAIDINGER | aus HEUREKA /19 vom 22.05.2019

"Der Staatsvertrag ist dann Gott sei Dank unterzeichnet worden, und zu dem Anlass war halt bei uns, weil wir den ersten Fernseher gehabt haben, die ganze Umgebung und so haben wir miterleben können, wie der Figl vom Balkon heruntergeschrien hat: Österreich ist frei!" Die Erinnerung einer steirischen Frau an den 15. Mai 1955 ist so rührend wie falsch: Außenminister Leopold Figl hat im Marmorsaal die Worte "Österreich ist frei!" gesprochen, am Balkon des Belvederes allerdings nichts gesagt. Im Fernsehen konnte man nichts sehen, denn das TV-Versuchsprogramm begann erst im August 1955. Trotzdem wurden solche Irrtümer zu immer wieder erzählten Bestandteilen der Reminiszenz an jenen Tag des Staatsvertrags.

Der Historiker Peter Teibenbacher hat mich vor einigen Jahren auf dieses Gustostückerl austriakischer Erinnerungskultur aufmerksam gemacht. Solche Memoiren samt doppelbödigen Irrtümern sammelt Teibenbacher mit seinem Team am Oral-History-Archiv der Universität Graz und wertet sie aus. Er stellt die Frage nach dem "Balkonstaat Österreich", dessen Bewohner immer wieder von Brüstungen herab Bedeutendes mitgeteilt bekamen. Es sei kein Wunder, dass Menschen einfach erwarten, dass bei solchen Anlässen auch inhaltsschwangere Worte fallen. Nun könnte man der Ansicht sein, es sei für den Lauf der Geschichte unerheblich, wann und wo Figls Worte gefallen sind. Es kann einen allerdings darüber nachdenken lassen, was wir zu erleben vermeinen - vor allem auch in der Masse. Wie geht es uns mit weiterführenden Interpretationen und Einschätzungen des angeblich Erlebten? Nicht zuletzt hilft uns die Erinnerung, wie diffus oder präzise sie auch sein mag, bei der Selbstfindung.

Und die wird gerade ganz großgeschrieben: Der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama (sein bekanntestes Buch aus 1992 heißt "Das Ende der Geschichte") teilt uns in seinem aktuellen Werk "Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet" allerhand darüber mit, dass nationale wie individuelle Identität vor allem eine Frage des Gefühls sei.

Um das im Falle Österreichs zu erfassen, brauche ich, mit Verlaub, keinen Politologen. Teibenbachers Forschungen sind viel aussagekräftiger. Sie führen uns in die Untiefen der Erinnerung und in die Feinheiten historischer Demographie, um die er sich in seinem Wissenschaftlerleben besondere Verdienste erworben hat. Dieser Tage feiert Peter Teibenbacher seinen 65. Geburtstag -Teibenbacher ist frei! Doch möge sein Rückzug in die Pension nur ein formaler sein!

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