BILDUNGSWISSENSCHAFT

Statt der Unterrichtsanstalt eine Schule für alle

Eine ideale Schule ist eine Schule für alle -unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Fähigkeit, erklärt der Bildungswissenschaftler Tobias Buchner. Und fordert, die eigenen Vorurteile bewusster zu reflektieren

WERNER STURMBERGER | aus HEUREKA /19 vom 22.05.2019

Tobias Buchner lehrt Bildungswissenschaft an den Universitäten Wien und Halle in Deutschland.

Herr Buchner, Sie beschäftigen sich mit intersektionaler Theorie und dis_ability Studies. Davon ausgehend, was würde das für die Organisation von Schule bedeuten?

Tobias Buchner: Es bräuchte eine völlig andere Form von Schule: Kein Jahrgangsprinzip-Terror, in dem von der Homogenität einer Jahrgangsklasse ausgegangen wird, sondern individuelle Förderung, die Interessen weckt und auf selbstmotiviertes Lernen setzt. Dazu braucht man kleinere Lerngruppen. Man müsste auch beginnen, Unterschiede egalitär anzuerkennen und als Ressource zu verstehen, um voneinander zu lernen; Kinder zu ermächtigen und ihnen nicht durch die Wiederholung von Vorurteilen einen Platz in einer sozialen Hierarchie zuweisen. Die Schule, wie wir sie kennen, ist in ihrer Grammatik seit Maria Theresia weitgehend unverändert. Damals ging es neben der Hierarchisierung von Schülern um die möglichst effiziente Vermittlung von Kulturtechniken, das Einüben von Gehorsam und Vaterlandsliebe. Heute sind diese Mechanismen lediglich besser verschleiert. Aber es gibt Schulen wie die Labor-Schule in Bielefeld oder die Lernwerkstatt Brigittenau in Wien, die zeigen, wie das gehen könnte. Wenn wir das Menschenrecht auf Bildung und soziale Teilhabe ernst meinen, dann führt an einer wirklich inklusiven Schule und damit der sukzessiven Transformation der Sonderschulen in inklusive Lernräume kein Weg vorbei. Schulen bilden Menschen für eine Gesellschaft aus. Fragen zum Schulsystem berühren daher auch die Frage, welche Gesellschaft wir haben wollen: Ein solidarisches Miteinander, wo alle die Chance haben, sich zu entfalten? Dem im Weg steht ein negatives Bild von Behinderung, Migrationshintergrund -wenn es der 'falsche' ist -und Schichtzugehörigkeit.

Im Moment setzt die Bildungspolitik aber eher auf Selektion.

Buchner: Lerntheorien, die homogene Lernklassen als effektiver erachten, überzeugen mich nicht. Heterogenität kann für Lernprozesse aber ertragreich sein. Die aktuellen Pläne der Bundesregierung halte ich für rückwärtsgewandt: Wiedereinführung von Noten, Schulreifekatalogen, Deutschklassen, Stärkung des Sonderschulwesens und jetzt neu Timeout-Klassen. Gleichzeitig scheint die Erwartungshaltung zu bestehen, dass inklusive Bildung zum Nulltarif umgesetzt werden kann -dies wird so aber nicht funktionieren. Bei heterogenen Gruppen braucht es Lehrpersonen mit einer hohen Differenz-Sensibilität und der Fähigkeit, individuell auf Kinder eingehen zu können. Das käme Kindern mit Lernschwierigkeiten, aber auch den Hochbegabten zugute. Dazu muss man aber die eigenen Vorurteile viel bewusster als bisher reflektieren und ein gutes didaktisches Know-how haben. Und dass es in einem Bildungssystem, das "weiß" und "österreichisch" als Norm setzen will, angesichts der Bevölkerungsstruktur unserer Gesellschaft zwangsläufig zu Problemen kommt, ist nicht überraschend. Die Art, wie Teile der Öffentlichkeit diese Spannungen gedeutet haben, ist lediglich eine Reproduktion von antimuslimischen Klischees. Es gibt bei vielen jungen Menschen aus den verschiedensten Gründen Probleme - ich kenne genug Lehrpersonen an den Neuen Mittelschulen, die an den individuellen Problemlagen konkret arbeiten, statt sich rassistischer Stereotypen als Erklärungsmuster zu bedienen. Eine inklusive Schule ist kein Allheilmittel, sie bietet aber Möglichkeiten, solche Konflikte zu lösen.

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