Lesen ... ich? Nein, danke!

Burschen sind im Lesen schwach. Weil ihnen Vorbilder fehlen, sagen Experten

TEXT: BRUNO JASCHKE | aus HEUREKA /19 vom 22.05.2019

In keinem anderen OECD-und in keinem anderen EU-Land sind männliche Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften den weiblichen so überlegen wie in Österreich. Das besagt die aktuelle Studie des "Programme for International Student Assessment" (PISA) von 2015. Beim Lesen dagegen ist das sprichwörtlich sogenannte "starke Geschlecht" schwach. Dieses Phänomen ist nicht nur auf Österreich beschränkt, es ist ein globales.

Die relevanten Studien zur Leistung von Schülern

Neben PISA ist die "Progress in International Reading Literacy Study"(PIRLS) federführend in der Erhebung der Lesekompetenz von Schülern. Von der "International Association for the Evaluation of Educational Achievement"(IEA) initiiert, erforscht PIRLS alle fünf Jahre die Leistungen von Schülern am Ende der Grundschule, während die von der OECD beauftragte PISA-Studie im Turnus von drei Jahren Schüler am Ende der Pflichtschulzeit ins Visier nimmt.

Die bislang letzte PIRLS-Studie stammt aus dem Jahr 2016. Sie bescheinigt den zehnjährigen österreichischen Schülerinnen und Schülern eine passable Lesekompetenz: Mit 541 Punkten liegen sie signifikant über dem Schnitt aller 61 teilnehmenden Länder (521) und ziemlich genau im EU-Schnitt (540). Im EU-Ranking liegt Österreich unter 24 partizipierenden Ländern auf Rang 16. Der Vorsprung der Mädchen auf die Buben beträgt nur sechs Punkte. 16 Prozent der österreichischen Schüler sind bei PIRLS als extrem leseschwach ausgewiesen. Das ist unter dem EU-Schnitt (18 Prozent) und weit unter dem internationalen Mittel (26 Prozent). Die PISA-Studie dagegen sieht die 15-jährigen österreichischen Schüler mit einem Schnitt von 485 Punkten signifikant unterhalb des OECD-Mittels von 493. Unter 38 OECD-Ländern bedeutet das Platz 25. Über dem OECD-Schnitt von zwanzig Prozent liegt in Österreich dagegen der Anteil der Risikogruppe, nämlich bei dreiundzwanzig Prozent. Darin sind jene Schüler erfasst, die nicht sinnerfassend lesen können.

In der PISA-Studie übertreffen die österreichischen Mädchen die Burschen an Lesekompetenz um zwanzig Punkte, was in etwa dem durchschnittlichen europäischen Kräfteverhältnis entspricht, in unserem Land aber eine bemerkenswerte Annäherung abbildet. Denn früher war der Abstand fast doppelt so groß. Seine Verringerung führen die Autoren des "Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung", das die PISA-Tests in Österreich realisiert, teilweise auch darauf zurück, dass 2015 die Erhebungen erstmals computerbasiert stattfanden: Beim Lesen elektronischer Texte schneiden Mädchen weniger gut ab als bei gedruckten Texten.

Ist Lesen heute nur noch nutzloser Zeitvertreib?

Zum Teil lassen sich die Diskrepanzen zwischen PIRLS und PISA durch die Messmethoden erklären: Der OECD-Schnitt der PISA-Studie ist ein wesentlich härterer Gradmesser als der Schnitt aller Teilnehmerländer (inklusive mehrerer leseschwacher Länder), der in der PIRLS-Studie angewandt wird. Unleugbar belegt das Gefälle allerdings auch, dass bei österreichischen Kindern im Alter zwischen zehn und fünfzehn Jahren mit der beginnenden Pubertät viel an Lesekompetenz versiegt. Dieses Phänomen ist bei Buben viel stärker ausgeprägt als bei Mädchen.

Dafür gibt es mehrere Deutungen. Susanne Blumesberger, Obfrau der "Österreichischen Gesellschaft für Kinder-und Jugendliteraturforschung", Lehrbeauftragte der Universität Wien für Kinder-und Jugendliteratur und Leiterin Repositorienmanagement PHAIDRA-Services, verweist auf den geringen Stellenwert, den Lesen als "nutzloser Zeitvertreib" gegenüber der Arbeit früher hatte. In Folge dieser Geringschätzung habe sich Lesen als "häuslich" und "weiblich" etabliert. Zur Fortschreibung dieser Konnotation trage möglicherweise auch bei, "dass viel mehr Frauen als Männer für Kinder schreiben".

Christine Garbe, emeritierte Literaturwissenschaftlerin an der Universität Köln und renommierte Leseforscherin, ergänzt, dass auch die sonstigen Instanzen des Schriftspracherwerbs weiblich dominiert sind: Lehrerinnen. Kritikerinnen, Lektorinnen, Buchhändlerinnen und Bibliothekarinnen. Demgegenüber fehlen männliche Vorbilder. Das führe zu einer Reihe direkter und indirekter Probleme für die literarische Sozialisation von Burschen: Direkt, so Garbe in ihrem Essay "Echte Kerle lesen nicht!?" aus dem "Handbuch Jungen-Pädagogik","indem Jungen lernen, Literalität mit 'Weiblichkeit' zu verknüpfen, was im Sinne ihres Aufbaus einer männlichen Geschlechtsidentität spätestens in der Pubertät Probleme bereitet." Indirekt durch weibliche Themenführerschaft bei Auswahl und Inhalten der Bücher, die in Schulen gelesen werden.

"Es müsste", meint Blumesberger, "Vorbilder geben, mehr Bücher, die sich nicht gezielt an Mädchen richten, sondern auch von Buben gelesen werden können, ohne dass sie sich zum Gespött ihrer Freunde machen."

Liebesgeschichten versus Schlachten und mythische Wesen

Christina Sulzer versucht genau dieses Defizit zu beheben. Die 35jährige Wirtschaftslehrerin an der HTL St. Pölten, die unter ihrem Mädchennamen Frommhund einige Geldratgeber bei Ueberreuter verfasst hat, wollte das Desinteresse der Schüler am Lesen nicht länger hinnehmen: "Wie ich von meinen Burschen gehört habe, Lesen sei fad und eine unnötige Zeitverschwendung, bin ich auf die Idee gekommen, in Zusammenarbeit mit anderen Lehrkräften und Buchhandlungen Umfragen zu machen: Warum wird Lesen als fad begriffen? Erste Wortmeldungen waren: Da schläft man auf der ersten Seite ein. Wenn man nachbohrt: die Inhalte."

Mädchen forcierten eher Liebesgeschichten, während Buben Schlachten und mythologische Lebewesen wollten. Auf diesen Grundlagen schrieb Sulzer die an Motive aus der griechischen Mythologie angelehnte, mit Kampfgetöse, amourösen Dramen und Ränkespielen angereicherte Abenteuer-Fantasy "Das Vermächtnis der Arassis", die sie unter dem Namen Crissy Catella beim Leipziger familia Verlag veröffentlichte. Dem ersten "Arassis"-Band sind mittlerweile ein Sequel sowie ein Spin-off mit dem Titel "Argos von Arassis" gefolgt, mit dem Sulzer einem ausdrücklichen Wunsch ihrer Leser nachkam, dem sprechenden Hund gleichen Namens eine eigene Saga zu geben. Ergänzt werden die Bücher durch Unterrichtsmaterialen, Fan-Artikel und -ein Faktor, dem Sulzer großes Gewicht einräumt -, umfassende Aktivitäten in sozialen Medien, mit denen Kinder mit der Autorin kommunizieren und Wünsche und Ideen für Bücher äußern können.

Ihre mittlerweile stark nachgefragten Gastspiele in Schulen gestaltet Sulzer zielgruppenspezifisch und interaktiv. "Die besten Erfahrungen habe ich mit Wettbewerben gemacht." Kinder, so hat Sulzer beobachtet, "lesen heute nicht weniger, sie lesen anders". Ob aber die Verlagerung der Leseaktivitäten ins digitale Allerlei der Lesekompetenz gut bekommt, ist unter Experten recht umstritten. Susanne Blumesberger lässt leichte Skepsis anklingen: "Ich glaube, das Medium ist egal, es macht allerdings einen Unterschied, ob man Beiträge auf Twitter, fehlerstrotzende Blogs oder anspruchsvolle Literatur liest."

Günther Stocker, der als Literaturwissenschaftler an der Universität Wien literarisches Lesen fokussiert, ist überzeugt, dass das Medium an sich mit der Leseerfahrung in Wechselwirkung steht. Darüber wird er ab Juni mit Hajo Boomgarden vom Wiener Publizistik-Institut ein dreijähriges Forschungsprojekt beginnen.

Dem Stakkato vieler Textvermittlungsformen im Internet kann Stocker wenig abgewinnen: "Grundsätzlich ist festzuhalten, dass der Großteil der gesellschaftlichen Zusammenhänge, Probleme, Fragen komplexer sind, als sich in der Kürze einer Twittermeldung oder auf Snapchat aufschreiben lässt -auch wenn uns der US-Präsident das Gegenteil glauben machen möchte. Was bei der Lektüre literarischer Texte, vor allem bei längeren Texten, erlernt wird, ist nicht nur der vielbeschworene ,lange Leseatem', sondern vor allem der Umgang mit Differenziertheit und Komplexität."

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