GASTKOMMENTAR

Zur Freiheit der Wissenschaft

CLAUDIA RAPP | aus HEUREKA /19 vom 22.05.2019

Freiheit der Wissenschaft und Autonomie der Universitäten: Grundbegriffe unserer Bildungslandschaft, über die nur dann nachgedacht wird, wenn neue Interpretationen den Status quo infrage stellen.

Derzeit besteht in dieser Hinsicht durchaus Diskussionsbedarf. Thema ist die Gestaltung der Curricula, die bislang in erprobter Weise durch Institute, Fakultäten und Senat vorgenommen wurde. Anlass ist das Regierungsprogramm 2017-2022, in dem es heißt: "Der staatliche Einfluss auf Forschung und Lehre ist analog zur freien Wirtschaft auf die Gestaltung von Rahmenbedingungen und die Festlegung von Mindestanforderungen zu beschränken. Im Sinne der Wissenschaftsfreiheit ist der Staat nicht berechtigt, Forschung und Lehre an ideologischen Zielen auszurichten." So weit, so gut.

Kurz darauf ist aber die Rede von einer angestrebten "Stärkung der inneruniversitären Governance hinsichtlich Curriculagestaltung und Studienorganisation (z.B.,Richtlinienkompetenz' des Rektorats hinsichtlich curricularer Gesamtarchitektur)". Dem Rektorat wird hier eine entscheidende Rolle in der Gestaltung des Lehrprogramms in Aussicht gestellt, die nichts mehr mit der Kompetenz der Fachwissenschaftler zu tun hat, die Lehrinhalte und Studiengänge im Dialog mit den Studierenden zu definieren.

Mehr noch: Die hier angestrebte Form der Governance öffnet die Tür für externe Agenden, auch nichtwissenschaftliche. Denn bei der Bestellung des Rektorats spielt neben dem Senat als gewählte Vertretung der Lehrenden und Studierenden der Universitätsrat eine wesentliche Rolle, der zur Hälfte durch die Politik bestellt wird.

Extremfälle politischer Einflussnahme auf den universitären Betrieb gibt es in jüngster Vergangenheit: Im Herbst letzten Jahres hat die ungarische Regierung den Master-Studiengang ,Gender Studies' an allen ungarischen Universitäten abgeschafft. Begründung: Es handle sich um eine Ideologie, nicht um Wissenschaft. Dieser vehemente Eingriff hat umgehend internationale Proteste ausgelöst.

Wenn jedoch im Regierungsprogramm, das demnächst den Weg in die Gesetzgebung nimmt, an kleinen Schrauben gedreht wird, ohne sofortigen Effekt, aber mit Weichenstellungen für die Zukunft, dann lässt oftmals ein aus Trägheit geborener Optimismus (,Es wird schon nicht so schlimm werden') eine Reaktion ausbleiben.

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