Finnen wissen, welche Kinder sie wollen

Nämlich mündige, verantwortungsbewusste und eigenständige Bürger, die ihre Stärken kennen

Text: Hannah Greber | aus HEUREKA /19 vom 19.06.2019

Das Schulsystem in Finnland sucht seinesgleichen: Keine standardisierten Tests bis zum 19. Lebensjahr, keine Supervision von Lehrern oder Schulen, kein Sitzenbleiben, verpflichtende Pausen im Freien bis zur Minus-25-Grad-Grenze. Spätestens seit dem ersten Platz Finnlands bei der Pisa-Studie 2001 fragen sich Bildungswissenschaftler: "Wie machen die das?" Im internationalen Vergleich sticht Finnland besonders durch die geringe Zahl leistungsschwacher Schüler hervor. In der Pisa-Studie 2015 wurden nur 6,3 Prozent der finnischen Schüler als leistungsschwach eingestuft, in Österreich 13,5 Prozent. Der OECD-Schnitt liegt bei 13 Prozent.

Die Menschen sind der Rohstoff Finnlands

"Ich glaube, der Erfolg des finnischen Bildungssystems basiert auf drei Faktoren: Dem Stellenwert des Menschen für die finnische Gesellschaft, gegenseitiges Vertrauen und die damit einhergehende Verantwortung", erklärt Arne Verhaegen, Lehrer und CEO der Bildungsberatergruppe "EduFuture", die Bildungsreisen nach Finnland organisiert. Wertehaltungen, die jede Entscheidung über das Schulsystem leiten, ergäben sich aus Finnlands Ressourcenknappheit. Wald, Winter und Seen bringen wenig Umsatz. Der Rohstoff des Landes seien die rund fünf Millionen Einwohner. "Wir können es uns nicht leisten, auch nur ein Kind nicht zu fördern, ist das inoffizielle Motto, das sich daraus ableitet", erklärt Arne Verhaegen.

Um jedes Kind unabhängig vom sozialen Hintergrund bestmöglich zu fördern, wurden seit den 1990er-Jahren eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt: Es gibt eine freie, warme Mahlzeit pro Tag, Schulbücher werden gratis zur Verfügung gestellt. Um die Entstehung von Problemschulen und Eliteschulen möglichst zu verhindern, kommen alle Kinder in die ihrem Wohnort am nächsten gelegene Schule.

Das Recht auf hochqualifizierte Lehrer bringt eine gute Lehrerausbildung

Das Vertrauen baut auf der Ausbildung des Lehrpersonals auf. "Jedes Kind hat das Recht auf professionelle Lehrer. Deshalb haben die Finnen in ihrer Bildungsreform der 1990er-Jahre als Erstes die Lehrerausbildung verbessert", sagt Verhaegen. "Der Lehrerberuf ist sehr hoch angesehen. Jedes Jahr gibt es viele Bewerber, nur rund zehn Prozent aller Lehramtsanwärter bekommen einen Studienplatz an der Universität."

Um für ein Lehramtsstudium infrage zu kommen, zählen nicht nur Noten, es müssen auch ein psychologischer Test, ein Interview und ein schriftlicher Test bestanden werden, erzählt Heini Jyräkoski, eine junge Lehrerin, die 2016 ihre Lehrerausbildung in Finnland abgeschlossen hat. Nach der Beendigung des Studiums genießen Lehrer in Finnland Expertenstatus. Sie werden nicht evaluiert, müssen sich keinen Tests unterziehen und haben sehr viel Freiheit, ihren Unterricht im Rahmen des allgemeinen Lehrplans individuell zu gestalten. Kurz: Die Eltern und das System vertrauen den ausgebildeten Lehrern. Unterstützt werden Lehrer in ihrer Arbeit von Sozialarbeitern, Psychologen und persönlichen Assistenten.

Förderbedürftige Schüler in einer Unterstützungspyramide

Gute Lehrer und eine kostenlose Mahlzeit pro Tag allein sind nicht ausreichend, um auch leistungsschwache Schüler bestmöglich auszubilden. Nach dem finnischen Ansatz bedarf es zusätzlich ein breitgefächertes Fördersystem. Wenn Maßnahmen im Klassenzimmer nicht mehr ausreichen, treten förderbedürftige Schüler in eine Art Unterstützungspyramide ein, erläutert Verhaegen. Auf der untersten Stufe der Pyramide, der sogenannten 'generellen Unterstützung', bietet der Klassenlehrer einmal pro Woche eine Art Förderunterricht in Kleinstgruppen für Schüler an, die dem Unterricht nicht ausreichend folgen können. Rund zwanzig Prozent aller finnischen Schüler erhalten diese Unterstützung zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Schulkarriere.

Reicht diese zusätzliche Hilfe nicht aus, erhalten Schüler die sogenannte 'intensive Unterstützung'. Hier werden die Kinder in ihren Problemfächern aus dem Klassenverband herausgenommen und in kleinen Gruppen oder im Einzelunterricht von einem Sonderpädagogen unterrichtet. Zu guter Letzt gibt es für Schüler mit schweren Lerneinschränkungen Sonderklassen, die möglichst klein gehalten werden und von Sonderpädagogen und Assistenten betreut werden.

Aber die Finnen wissen auch, dass nicht nur Lernschwierigkeiten daran schuld sein können, wenn Schüler im Unterricht stören oder plötzlich nicht mehr folgen können. Veränderungen im Alltag, Schicksalsschläge, Misshandlungen oder Mobbing können sich ebenfalls negativ auf deren Schulleistung auswirken. Für solche Fälle sind Psychologen, Krankenschwestern und Sozialarbeiter an der Schule angestellt, die schon frühzeitig eingeschaltet werden: "Es geht vor allem um Prävention. Darum, nicht im Nachhinein ein Problem wieder gut zu machen, sondern es früh zu erkennen und eine Eskalation zu vermeiden", so Verhaegen. Kleinere Konflikte untereinander werden von Schülern selbst gelöst, dafür gibt es speziell geförderte Schüler, sogenannte Mediatoren. Dadurch soll der faire Umgang miteinander und das richtige Handhaben von Auseinandersetzung erlernt werden.

Ein neuer Lehrplan mit Positiver Pädagogik

In einem neuen Lehrplan, der im Jahr 2016 umgesetzt wurde, hat zudem die sogenannte Positive Pädagogik Einzug gehalten. Die Grundidee dieses Ansatzes ist, dass Kinder davon profitieren ihre individuellen Stärken zu kennen. Die Aufgabe der Lehrer ist, die Stärken und nicht die Schwächen des Kindes hervorzuheben -gerade bei Problemschülern. "Auffallende Schüler sollen nicht nur negatives Feedback bekommen. Es kann hilfreich sein, ihnen zu zeigen, dass sie etwas gut können und sie dazu aufzufordern, ihre Energie auf ihre Talente zu richten" erzählt die Lehrerin Jyräkoski. "Impfe nicht Schwächen ein, baue auf dem Starken auf", lautet ein Merksatz des IPEN, des Internationalen Positive-Erziehung-Netzwerks, welches diesen Ansatz und seine Auswirkungen bereits in mehreren Schulen untersucht hat.

Der neue Lehrplan ist Teil der systematischen Verbesserung des finnischen Schulsystems. Ungefähr alle zehn Jahre wird aufgrund des Feedbacks von Eltern, Schülern, Lehrern und Wissenschaftlern der Lehrplan angepasst. Die neuesten Änderungen fokussieren das fächerübergreifende Lernen, das Verstehen anstelle des Auswendiglernens und verlangen, dass erlangtes Wissen in Kontext gesetzt wird. "Kinder sollen nicht mehr nur Wissen anhäufen, sondern es auch anwenden können, wobei kritisches Denken gefördert werden soll. Außerdem liegt nun der Fokus aller Fächer auf '21st-Century-Skills', das heißt auf dem Umgang mit modernen Technologien", erklärt Verhaegen.

Finnlands Schulsystem ist deutlich teurer als unseres

Die Kosten des finnischen Schulsystems mit kleinen Klassen und viel Personal sind dementsprechend hoch. Während Österreich 2015 nur 5,5 Prozent des BIP für Bildung ausgibt, sind es in Finnland 7,1 Prozent. Laut Verhaegen ist man sich in der Politik über diese Ausgaben einig: "In Finnland sieht man die Investition in Bildung wie eine echte Zukunftsanlage, denn wenn ich jetzt investiere, erspare ich mir später vieles. Im System wird auch an manchen Enden gespart. Zum Beispiel hat man das Sitzenbleiben quasi gestrichen, das bringt rund 7.000 Euro mehr pro Kind und Jahr."

Aber auch in Finnland ist nicht alles rosig. In der letzten Pisa-Studie verlor man einige Plätze an asiatische Länder. Auch bei der Förderung leistungsstarker Schüler sieht Verhaegen Verbesserungspotenzial. Das Ziel des finnischen Bildungsansatzes sei es aber nicht, die besten Pisa-Ergebnisse zu erreichen. Man wolle "Kinder zu mündigen, verantwortungsbewussten und eigenständigen Bürgern erziehen, die ihre Stärken kennen und wissen, wie sie mit ihren Eigenschaften zu einem aktiven Teil der Gesellschaft werden", fasst der in Helsinki lebende Verhaegen zusammen. Da kann man Kinder bei minus 24 Grad nach draußen zum Spielen schicken. Schließlich gehört auch das Meistern der Kälte zum Leben in Finnland.

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