Meine Geschlechterbrille

Geschlechtergerechtigkeit im Kindergarten, in der Schule und an der Universität

Text: Lisa Krammer | aus HEUREKA /19 vom 19.06.2019

Wo ist die Lisa? Da ist sie! Schön, dass du heute da bist! Bim bam bam!" Mit diesem Lied werde ich im Kindergarten in der Dadlergasse im 15. Wiener Bezirk lautstark begrüßt. Eine Kleinkindergruppe sitzt auf einem runden Teppich im Morgenkreis und macht eifrig die Bewegungen der Kindergartenpädagogin mit. Die Kleinkindergruppen umfassen maximal 15 Kinder im Alter bis zu drei Jahren.

"Man kann jedoch nicht sagen, dass die Beschäftigung mit dem Thema Gender ab drei oder vier Jahren beginnt. Wir kommen auf die Welt und ab dem Zeitpunkt ist es relevant", sagt Ilse Appel, Leiterin des MINT-zertifizierten Kindergartens. Auffällig ist das Raumkonzept: Es gibt keine vorgegebenen Spielbereiche wie Bau-oder Puppenecken. Die Kinder können aktiv das unterschiedliche Spielmaterial aus Rollcontainern entnehmen und nach Belieben kombinieren. "Unsere Beobachtungen haben gezeigt, dass es durch das vermengte Spielen weniger Konfliktpotenzial gibt", erklärt Appel.

"Ich kann meine Geschlechterbrille gar nicht mehr absetzen"

Geschlechtergerecht denken, agieren und sprechen: Dieses Motto wird vom Kindergartenteam, bestehend aus Pädagoginnen und Pädagogen sowie Assistentinnen und Assistenten (vor-)gelebt. In der mündlichen Kommunikation werden beide Geschlechter genannt, im Schriftverkehr das Binnen-I oder die ausgeschriebene Doppelform (Pädagogin und Pädagoge) favorisiert. Das Angebot an geschlechtergerechten Materialien nimmt stark zu. Beispielsweise werden bei Spielen wie Memory die weibliche und männliche Form (Polizistin und Polizist) angeführt bzw. grafisch abgebildet.

Der Austausch mit den unterschiedlichen Schulen des Bildungsgrätzls Schönbrunn oder die Kooperation mit dem Pensionistenwohnheim in der Oelweingasse bieten immer wieder neue Möglichkeiten, Geschlechtergerechtigkeit in den Alltag der Kinder und der beteiligten Personen zu integrieren. Im Zuge des alljährlichen "Papa macht mit"-Projekts werden Väter zu Aktivitäten (Kekse backen, Fahrradständer bauen) eingeladen. "Es ist wichtig, bereits im Kindergarten anzusetzen und die jungen Menschen von morgen so zu prägen und ihnen ein Gedanken-bzw. Erlebnisgut mitzugeben, damit ihre Sichtweise eine breitere wird", betont die Kindergartenleiterin. "Im Grunde genommen sind Kinder jedoch wesentlich toleranter, Erwachsene machen eher Schubladen auf."

Aber nicht nur ein bestimmtes Verhalten oder eine gewisse Sprech-oder Umgangsweise zeichnen Gender Mainstreaming aus, also die Förderung der Gleichstellung von Frau und Mann, sondern vielmehr eine grundsätzliche Einstellung bzw. Haltung. "Dieser Habitus ist erlernt, sei es jetzt der Geschlechts-oder der Klassenhabitus, aber er kann verändert werden", das ist für Maria Ettl, Direktorin der Hertha-Firnberg-Schulen für Wirtschaft und Tourismus, die wesentliche Botschaft.

Gender Mainstreaming leben, bedeutet, "Schülerinnen und Schülern verschiedene Rollen aussuchen zu lassen, ohne sie dabei zu verurteilen oder zu entmutigen. Dies ermächtigt die Jugendlichen, sich selbst zu entdecken und sich auch in verschiedenen Situationen auszuprobieren", führt Ettl weiter aus. Die Berufsbildende Höhere Schule im 22. Wiener Bezirk ist dafür 2015 mit dem Österreichischen Schulpreis für Geschlechtergerechtigkeit ausgezeichnet worden. Die damalige Schulsprecherin bedankte sich für den Preis mit den Worten "Ich kann meine Geschlechterbrille gar nicht mehr absetzen". Für die Direktorin zeugt dieses positive Feedback davon, dass man sich "nach fünf Jahren an den Hertha-Firnberg-Schulen nicht nicht mit der Thematik auseinandersetzen kann".

Genderkompetenz, Gendermania und Gendersymposium

Die Förderung der Geschlechtergerechtigkeit ist auf allen Ebenen der Schulgemeinschaft verankert: Pro Klasse gibt es zwei Genderbeauftragte. Diese tauschen sich sowohl innerhalb der Steuergruppe der Schülerinnen und Schüler als auch mit der Steuergruppe der Lehrkräfte aus. Für die Schulleitung ist guter Unterricht und ein geschlechtergerechter Habitus und Sprachgebrauch untrennbar miteinander verbunden.

"In jedem Unterrichtsfach, bei jeder gewählten Methode und jeglicher Aufgabestellung gilt es zu differenzieren, inwieweit Geschlechterstereotype und -hierarchien reproduziert oder aufgebrochen werden", erklärt die Direktorin der MINT-zertifizierten Schule. "Genderkompetenz" ist ebenso eine Maturakompetenz: Bei Diplomarbeits-Präsentationen wird auf das Ansprechen und somit Sichtbar-Machen von Frau und Mann besonders Wert gelegt. Das Fehlen von geschlechtergerechten Formulierungen in schriftlichen Arbeiten wird zwar korrigiert, fließt jedoch nicht in die Beurteilung ein.

Es werden viele extracurriculare Möglichkeiten angeboten, um die Genderkompetenz auch außerhalb des Unterrichts zu trainieren: Im Rahmen der "Gendermania", einer an Starmania angelehnten Veranstaltung mit Show-und Wettbewerbscharakter, wird das beste Projekt der zweiten und dritten Jahrgänge gekürt. Im Zuge des "Gendersymposiums" präsentieren die fünften Jahrgänge ihre Diplomarbeiten mit speziellem Genderfokus.

Diese beiden Veranstaltungsformate befinden sich gerade in einem Modifizierungsprozess und sollen zukünftig verstärkt die Verknüpfung von Geschlechtergerechtigkeit und der sozialen Frage beleuchten. Die Sprache bzw. Sprachverwendung ist ganz entscheidend dafür, wie Personen ihre Umwelt wahrnehmen.

"Die Sprache ist nicht nur ein Medium der Abbildung, sondern das Medium der Konstruktion der sozialen Sphäre. Somit kann man mit einem bestimmten Sprachgebrauch auch die soziale Sphäre verändern", erläutert Manfred Glauninger, Sprachwissenschaftler an der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In den Anfängen der Genderlinguistik lag der Fokus darauf, "dass Frauen und Männer auf eine bestimmte Art und Weise sprechen. Nachfolgend beschäftigte man sich damit, wie im Diskurs die Vorstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit konstruiert wird."

Aktuell wird in der mündlichen Kommunikation viel seltener gegendert als in der schriftlichen. "Im mündlichen Sprachgebrauch ist ein Binnen-I auch viel schwieriger zu realisieren, denn man müsste das dann durch das Gestikulieren oder mit einer gezielten Betonung signalisieren." Gewöhnlich verwendet Glauninger Doppelformen (die Ärztinnen und Ärzte) und Partizipialformen (Lehrende, Studierende). In der schriftlichen Korrespondenz bevorzugt er die (ausgeschriebenen) Doppelformen, es gibt aber auch Alternativen mit Klammer, Sternchen und Unterstrich. Ein Aufblähen des Textes, die Hemmung des Leseflusses und ästhetische Nachteile erweisen sich als potenzielle Probleme bzw. Herausforderungen in der Textgestaltung.

Negative Begriffe wie "Kinderschänder" werden weniger gegendert

Geschlechtergerechte Sprache ist oft auch sehr selektiv. "Negative Begriffe wie Kinderschänder oder Nationalsozialist werden erfahrungsgemäß weniger gegendert", beobachtet der Linguist.

Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Universität Wien erlebt der Sprachwissenschaftler häufig, dass "Studentinnen geschlechtergerechte Formulierungen nicht brauchen, nicht wollen und auch selbst nicht verwenden. Viel wichtiger wäre es deren Ansicht nach, dass Frauen beispielsweise den gleichen Lohn bekommen."

Was würde nun passieren, wenn wir jetzt im Schuljahr 2019/20 beginnen, alle Kinder von Anfang an zum Beispiel in einer bestimmten Art des Genderns einzuschulen?

"Das wird dann natürlich zu einer Konvention. In zwei Generationen wäre das Gendern völlig normal und niemand empfände mehr einen Text als aufgebläht", prognostiziert Glauninger. Und wie man frei nach einem bekannten Sprichwort weiß, können aus Gedanken und Worten Handlungen und Gewohnheiten werden. So wie bereits im Kindergarten Dadlergasse und an den Hertha-Firnberg-Schulen für Wirtschaft und Tourismus.

Mehr aus HEUREKA 3/2019

Anzeige

Anzeige