An den Wurzeln der Malerei

Die Künstlerin Johanna Kandl beschäftigt sich in einer Ausstellung mit den materiellen Hintergründen der Kunst

Text: Miroslav Halák | aus HEUREKA /19 vom 19.06.2019

Wurzeln sind in der Malerei nicht nur metaphorisch zu verstehen, sie bilden auch vielfach die Voraussetzung für die materiellen Grundlagen eines Bildes. Aus den Wurzeln verschiedenster Pflanzen werden ebenso wie aus Mineralien seit alters her Farbstoffe hergestellt. Das macht die Ausstellung von Johanna Kandl in der Orangerie des Belvederes deutlich. Sie zeigt vor allem auch historische und gegenwärtige Malmaterialien. Es ist erstaunlich, wie breit, vielschichtig und disziplinenübergreifend die Auseinandersetzung damit sein kann.

Unter "Öl auf Leinwand", stellen wir uns zumeist einen Prozess vor, bei dem die Farben auf eine Unterlage aufgetragen werden. Heute kennt man Farben in Tuben oder Tiegeln, die bereits mit Bindemitteln vermischt sind. Doch zuvor haben ungebundene Farben die Form von Pigmenten, sind also praktisch farbiger Staub. Pigmente haben ebenso wie die verschiedenen Bindemittel selbst eine lange Geschichte. Für viele müsste man um die halbe Welt reisen, wollte man ihre Herkunftsorte finden.

Pigmente sowie Binde-, Löse-und Verdünnungsmittel werfen alle möglichen ökologischen, ökonomischen, geopolitischen, ethnologischen, anthropologischen und religiösen Fragen auf. Johanna Kandl widmet sich diesen in ihrer Ausstellung. So lässt sich etwa am Beispiel der Farbe Blau die Entwicklung unserer Zivilisation rekonstruieren. Sie beeinflusste maßgeblich unsere visuelle Kommunikation und führte zur Erschließung neuer Handelswege und Wirtschaftsbereiche. Azurit zum Beispiel ist ein Nebenprodukt des Kupferabbaus und belegt so die Entwicklung dieser Art der Rohstoffgewinnung vom urgeschichtlichen Chalkolithikum bis heute. Indigoblau wird aus Pflanzen gewonnen, die in der Kolonisationspolitik eine nicht unwesentliche Rolle spielten. Ultramarin stammt aus dem Halbedelstein Lapislazuli, der in einer sagenumwobenen und heute nicht mehr erreichbaren Region Afghanistans gewonnen wird. Das Kobaltblau kann auch als "Sinnbild" der Industriellen Revolution ab dem 18. Jahrhundert gesehen werden.

In ihrer Ausstellung geht Johanna Kandl zu den Wurzeln der Malerei zurück und blickt unter die Oberfläche der Herkunft und der Verwendung von Harzen, Ölen, pflanzlichen Farbstoffen oder mineralischen Pigmenten.

Frau Kandl, welche Bedeutung haben Malmaterialien?

Johanna Kandl: Für mich sind sie die Schnittstelle verschiedener Wissensgebiete. Vor einem Gemälde oder einem anderen Kunstwerk entsteht in meinem Kopf eine Karte der Herkunftsorte der dazu verwendeten Materialien. Ich finde es erstaunlich, wie wenig die Kunstgeschichte über die Materialien und die Menschen, die sie erzeugten, nachdenkt. Selten bittet sie die Menschen vor den Vorhang, welche die Grundstoffe herstellen. Selten wird über die Handelswege nachgedacht. Es wird auch zu wenig thematisiert, dass Manches nur mit dieser oder jener Farbe gemalt werden konnte, weil es andere Pigmente einfach nicht gab oder sie zu teuer waren. Noch weniger wird über andere Materialien der Malerei nachgedacht - etwa das Terpentin, das bis in die 1970er-Jahre im Süden von Wien aus dem Pech der Schwarzkiefer gewonnen wurde.

Was beeinflusst Ihre Arbeit?

Kandl: Am wichtigsten ist wahrscheinlich mein familiärer Hintergrund: Meine Eltern hatten eine Farbenhandlung, es wurde sogar Farbe hergestellt. Die Farbe hieß übrigens "Resistenta", sie hat sich aber nicht lange gehalten. Deswegen sind mir die Materialien sehr vertraut: Ihr Geruch und wie sie sich anfühlen; der Perlleim, die Stärke, der gelöschte Kalk, das duftende Terpentin. Damals waren viele Materialien noch nicht verpackt erhältlich, sie wurden in einer Lade aufbewahrt und in Säcke gefüllt. Die verschiedenen Rohstoffe spielen auch in der Restaurierung eine wichtige Rolle. Es gibt Materialien, die man als gegeben ansieht, wenn man dann aber etwas über ihre Herstellung erfährt, ändert sich das: Wie viel tradiertes Wissen steckt in einem Aquarellpinsel?

Was ist für Sie an Ihrer Arbeit so reizvoll?

Kandl: Es ist einfach unglaublich, wie viele von ihrem Wissensgebiet faszinierte und damit auch unglaublich faszinierende Menschen mein Mann Helmut Kandl und ich im Zuge der Recherchen getroffen haben. Geologen, Mineralogen, Forstwissenschaftler, Handwerker, Minenarbeiter: Sie alle haben Wissen, das sie gerne und lebendig vermitteln. Es ist eines der schönsten Dinge im Leben, Interessantes zu erfahren. Das macht wirklich Spaß. Oft ist es auch gar nicht schwierig, mit Menschen aus anderen Ländern zu kommunizieren, wenn man ein konkretes Anliegen und konkrete Fragen an sie hat. Wir waren etwa in einem Dorf in einer sehr abgelegenen Gebirgsgegend der philippinischen Provinz Palawan. Uns interessierte die dortige Harzgewinnung. Und genau wegen dieser konkreten Fragestellung war die Kommunikation mit den Bewohnern einfach. Ebenso im Sudan oder auf Sumatra oder in der Türkei. Es ist auch schön zu erzählen, dass man Malerin ist: Darunter kann sich jede und jeder etwas vorstellen, das gibt es ja auch überall. In der Malerei erfahren die Erlebnisse und Motive ihre Konkretisierung und Konzentration. Es ist für mich wichtig, auch einmal ruhig im Atelier zu arbeiten.

Ihr Mann Helmut begleitet Sie künstlerisch. Worauf legt er bei Ihren gemeinsamen Projekten besonderen Wert?

Kandl: Helmut kommt von der Fotografie und hat sehr viel mit Archiven gearbeitet. Er macht auch gerne Bücher. Ich würde sagen, dass für ihn das Erzählerische sehr wichtig ist. Eine Qualität seiner Arbeit ist auch, dass er oft sehr ungewöhnliche Assoziationsketten herstellt. Ein weiterer Aspekt bei diesem Projekt ist, dass er sich sehr für das Kochen interessiert - einige der in der Malerei eingesetzten Materialien spielen ja auch in der Küche eine Rolle. Also mache ich Eitempera und Helmut Mayonnaise. Beides besteht aus Eidotter und Öl, ich gebe Pigment dazu, er Gurkerln, Pfeffer und Salz. Was macht die Ausstellung im Belvedere besonders?

Kandl: Meine Auseinandersetzung mit Materialien hat sich in den letzten Jahren intensiviert. Dazu gehört, dass auch die Ausstellungsarchitektur zum Thema passt. Die zahlreichen Wandtexte werden händisch geschrieben, die Trennwände im Belvedere bestehen aus Leinwänden. Im Vergleich zu anderen Ausstellungen über die Technologie in der Malerei lege ich wesentlich mehr Wert auf gesellschaftspolitische Bezüge und habe auch viele wichtige Orte selbst besucht. Ich gehe auch mit Nichtwissen und Halbwissen ganz anders um: Ich betone Stellen des Nichtwissens. Wir befinden uns hier an einer Schnittstelle verschiedenster Wissensgebiete und da entsteht immer ein blinder Fleck: Für viele Fragestellungen interessieren sich Kunstgeschichte und Geschichte wenig, und die Ergebnisse technologischer Untersuchungen sind oft beschränkt und nicht sehr detailreich. Oft geistert auch etwas durch die Fachliteratur. So gibt es Quellen, die berichten, dass Mumia vera, eine aus ägyptischen Mumien gewonnene Substanz, in der Malerei verwendet wurde. Aber was wissen wir darüber und was können wir wissen? Um diese Fragestellungen und dieses Nichtwissen geht es.

Sie thematisieren Bereiche wie Umweltschutz, Menschenrechte, bürgerlichen Aktivismus und wirtschaftliche "Global Player". Wie vermitteln Sie Ihre Stellungnahme dazu?

Kandl: Zu manchen Problemen möchte ich nicht wirklich Stellung nehmen und eher Fragen stellen als Antworten geben. Bei den Non-Wood-Forrest-Products ist es leicht, eine Meinung zu äußern, natürlich ist es gut, wenn der Anbau von Dammar oder Gummi arabicum hilft, die Ausbreitung der Wüste zu verhindern oder indigenen Völkern das Überleben zu sichern. Beim Bergbau ist es ganz anders, weil wir alle brauchen und verbrauchen Kupfer, Kobalt und andere Mineralien und hätten gern den Abbau aus unseren Augen. Aber ist das fair? Ist es nicht heikel, wenn die Rohstoffe aus Ländern mit schlechter Menschenrechtslage und geringen Umweltschutzauflagen kommen? Wie Stanislav Jelen, Geologe aus Banská Bystrica sagt: "Wenn in Afrika die Minen ausgebeutet werden, helfen keine Aktivisten mehr."

Können Sie erklären, was eine getrocknete Pflanze aus einem Herbarium mit einer Goldmine und Gustav Klimt verbindet?

Kandl: In Herbarien, das sind Sammlungen von gepressten Pflanzen, sind Zeigerpflanzen enthalten, deren Vorhandensein auf das Vorkommen bestimmter Mineralien hinweist. Wir sehen also, aus welchen Anzeichen man auf das Vorkommen bestimmter Rohstoffe schloss. Die Aufnahmen von der Goldmine in der Ausstellung zeigen die Gewinnung von Gold, wie es etwa auch Gustav Klimt in seinen Bildern einsetzte. Die Verwendung von Gold und Vergoldungen erfordern eine komplizierte Technologie: Das Gold muss zu hauchdünnem Blattgold geschlagen werden, teilweise auch heute noch händisch. Es ist faszinierend, wie früh in der Geschichte schon sehr professionelle Vergoldungen gemacht wurden. Die Technik der Vergoldung auf Holz hat sich übrigens über viele Jahrhunderte kaum verändert.

Johanna Kandl: Material. Womit gemalt wird und warum. Orangerie, Unteres Belvedere, 13. September 2019 bis 19. Jänner 2020

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