WAS AM ENDE BLEIBT

Das Heute

Erich Klein | aus HEUREKA /19 vom 19.06.2019

Roberto Calasso ist ein Mann der Götter, der großen Konzepte und flüchtigen Geister aus Mythologie und Literatur. Sein jüngstes Buch "Das unnennbare Heute" handelt von der Götterdämmerung der Jahre 1933 bis 1945, als die Welt den "teilweise gelungenen Versuch unternahm, sich selbst zu vernichten".

Und wie steht es um unsere aktuelle Befindlichkeit? "Das präzise und akuteste Gefühl für einen Zeitgenossen ist, dass er nicht weiß, wohin er jeden Tag den Fuß setzt. Das Terrain zerbröckelt, die Perspektiven schwanken. Dann spürt man, dass man sich im unnennbaren Heute befindet." Wer die eigene Zeit in Gedanken fassen will, drohe immer zu spät zu kommen. Deshalb werde die Geschichte mit Hegel immer Grau in Grau geschrieben. Kaum jemand würde noch eine große Gegenwartsdiagnose wagen. "Wir Heutigen", so Calasso, "vernehmen nur mehr den fernen Klang einer Angst". Heute herrsche "mörderische Inkonsistenz".

Der Verleger, Autor und Literaturwissenschaftler Calasso philosophiert grell, um nicht zu sagen drastisch. Harder stuff ist gefragt - der sich bei Assassinen, bei Selbstmordattentätern und muslimischen Terroristen findet. Calasso bemüht Theoretiker der Muslimbruderschaft vom Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch nur, um zu seinem Gegenstand, der säkularen Gesellschaft des Westens, zurückzukommen. Sie wird in immer neuen Anläufen umkreist. Aber gibt es überhaupt etwas, das man säkulares Denken nennen kann?

"Das säkulare Denken ist das, was nach einem progressiven, sich über einige Jahrtausende erstreckenden Entleerungsprozess übriggeblieben ist." Von den Göttern blieben nur Bücher übrig, doch werde auf diese heute meist lieber verzichtet. Nicht so der homme des lettres! Calasso bemüht Lenin, Simone Weil, Sigmund Freud, Emile Durkheim und andere. An dieser Stelle mutiert das Buch zur Blütenlese. Die metaphysisch überhöhte Figur des Migranten fehlt dabei ebensowenig wie der Universalgelehrte Leibniz; Hacker sind hier vertreten und Web-Piraten. "Homo saecularis ist unvermeidlich Tourist. Nicht nur, wenn er reist. Websurfing bildet einen erheblichen Teil seines geistigen Lebens." Allein, um sich auf diesen Reisen nicht gänzlich zu verlieren, ist noch immer eines gefragt: die Kompetenz zu lesen.

Roberto Calasso, Das unnennbare Heute, Suhrkamp Verlag, 2019

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