Die süßeste Versuchung

Österreichs Kinder werden dicker. Eine Mitschuld daran trägt auch das Kindermarketing für ungesunde Lebensmittel. Soll die Politik die Werbung regulieren?

Benedikt Narodoslawsky
14.12.2022

Foto: Unsplash

Adventkalender, Nikolo, Weihnachtskekse, Schoko-Christbaumbehang  in diesen Tagen kommt eine ordentliche Menge an ungesundem Zeug zusammen. Die Weihnachtszeit könnte die süße Ausnahme sein. Für viele Kinder gehört Naschen aber längst zum Alltag. Auch deshalb nimmt die Zahl der übergewichtigen Kinder zu. Die Pandemie hat das Problem verschärft, wie eine Studie der Uni Graz zeigt, die 700 Volksschüler:innen in Kärnten untersuchte. „Legt man den Schnitt über ganz Österreich, ist jedes dritte Kind im Alter von neun bis zehn Jahren übergewichtig“, warnte ÖAG-Präsidentin Johanna Brix am Welt-Adipositas-Tag im März.

Übergewicht kann krank machen, es erhöht unter anderem das Risiko für Krebs, Bluthochdruck und Diabetes. Vier von fünf Personen, die als Kind übergewichtig waren, bleiben es auch als Erwachsene. Fettleibige Kinder haben außerdem ein höheres Risiko, am Herzen oder an den Blutgefäßen zu erkranken und vorzeitig zu sterben – und zwar unabhängig davon, ob sie als Erwachsene noch adipös sind. Und gerade bei Kindern wiegt ein Risiko noch viel schwerer: Mobbing, das zur sozialen Isolation und in die Depression führen kann.

Weil Studien klar zeigen, dass Werbung für Junkfood die Essgewohnheiten der Kinder beeinflusst, will die rot-grün-gelbe Ampelkoalition in Deutschland nun das Kindermarketing einschränken. Den politischen Druck erzeugen Mediziner:innen und die Zivilgesellschaft, mittlerweile fordern 40 Institutionen (darunter der Bundeselternrat und die Verbraucherzentrale) strenge politische Regeln für Kinderwerbung, damit die Kleinsten nicht manipuliert und zur ungesunden Ernährung verführt werden.

Und in Österreich?

Da setzt die Politik bislang auf die Eigenverantwortung der Unternehmen. „Selbstverpflichtungen bringen nichts“, kritisiert Heidi Porstner von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch Österreich und untermauert das mit einer dicken Marktstudie. Dass es mehr als eine Selbstverpflichtung der Unternehmen braucht, sehen auch die Grünen so. „Die Kindermarketing-Industrie birgt unterschätze Gefahren, die mit der Gesundheit unserer Kinder spielen“, sagt Barbara Neßler, die Grüne Sprecherin für Kinder, Jugend und Familie. „Aus diesem Grund haben wir bereits einen Antrag an unserem Koalitionspartner übermittelt, der ein Monitoring der Marketingaktivitäten – im Besonderen bezüglich digitalem Marketing – von verarbeiteten Lebensmittel beinhaltet.“ Wo werden also Kinder wie und wann mit Werbung zu ungesundem Essen verführt? Diese Daten sollen zunächst mit dem Monitoring erhoben werden, um darauf aufbauend weitere Schritte zu setzen. Dabei sollen auch die sozialen Medien untersucht werden. Influencer:innen erreichen schließlich viele Kinder mit Schleichwerbung, wie diese aktuelle FALTER-Recherche dokumentiert.

Während die deutsche Koalition verhandelt, steht das Kindermarketing innerhalb der schwarz-grünen Koalition noch nicht auf der Agenda. Weder der ÖVP-Parlamentsklub, noch die für Medienregulierung zuständige ÖVP-Ministerin Susanne Raab wollten sich gegenüber dem FALTER zum Thema äußern und ignorierten mehrere Anfragen. Einen klaren Standpunkt vertritt hingegen die Werbewirtschaft. Sie kampagnisierte bereits gegen eine Beschränkung des Kindermarketings, weil sie Einbußen in dreistelliger Millionenhöhe fürchtet.

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