Wie lässt sich die Geschenkeflut zu Weihnachten vermeiden, Frau Kain?

Weihnachten steht vor der Tür und unter dem Baum liegen meistens zu viele Geschenke. Unsere KIWI-Expertin und Psychotherapeutin Vivien Kain beantwortet dazu einige Fragen

Barbara Fuchs
21.12.2022

Foto: Pexels

Kind in Wien: Wie mache ich den Verwandten klar, dass wir nicht das 10. Plastikspielzeug haben wollen?

Vivien Kain: Schenken und beschenkt werden bereitet Freude und macht glücklich, denn das Schenken stärkt zwischenmenschliche Beziehungen und baut neue auf. Daher ist es nachvollziehbar, dass Verwandte auch zu Weihnachten die Kinder gerne beschenken möchten.

Um eine Geschenkeflut hier zu vermeiden, macht es Sinn präzise Anweisungen zu geben, z.B. in Form eines konkreten Geschenkewunsches, gerne auch ein größeres Geschenk für mehrere Familienmitglieder zusammen, welches nachhaltig und entwicklungsfördernd ist, die Kreativität des Kindes anregt und länger Freude bereitet (z.B. Bastelsets, Stecksteine, Spielfiguren, Bauklötze, Brettspiele). Auch haben z.B. Großeltern sicherlich eine Freude damit, konkrete gemeinsame Familienaktivitäten zu verschenken, die dann auch über den Bescherungsmoment hinaus gemeinsame Zeit und schöne Erlebnisse schaffen.

Bild von Univ. Lektorin Mag. Vivien Kain

Univ. Lektorin Mag. Vivien Kain

Psychotherapeutin in der Kinderarztpraxis Schumanngasse

KIWI-Expertin

Kind in Wien: Wie bringe ich meinen Kindern einen bewussten Umgang mit Spielzeug bei?

Kain: Je jünger das Kind ist, desto stärker dürfen die Eltern den Leitsatz leben „Weniger ist mehr“. Das fördert von Beginn an einen bewussteren Umgang mit materiellen Gütern. 

Kinder dürfen auch lernen, dass nicht jeder Wunsch in Erfüllung geht, oder dass sie auch selbst im Sinne ihrer Selbstwirksamkeit ihr Erspartes oder Taschengeld für Wünsche ausgeben dürfen und müssen.

Regelmäßig mit den Kindern mit offenen Augen durchs Kinderzimmer zu schauen und zu überlegen, ob die unterschiedlichen Spielzeuge noch bespielt werden und Freude bereiten oder ob die Sachen nun bereit sind, anderen Kindern Freude zu schenken, ist sinnvoll. 

Auch gibt es immer wieder die Möglichkeit an Kinderflohmärkten auszustellen und eigenes wieder weiterziehen zu lassen oder Spendenaktionen zu unterstützen (z.B. Weihnachten im Schuhkarton), um hier ein Bewusstsein zu schaffen und zu fördern.

Kind in Wien: Gibt es tatsächlich „zu viel“ Spielzeug?

Kain: Wenn ein Kind, zu viele Geschenke gleichzeitig auspackt, kann es keine Freude an jedem einzelnen haben, da es nicht weiß, welchem es sich zuwenden soll. Das ist vergleichbar mit der Wirkung von Lob und Belohnung. Ein Lob und eine Belohnung verlieren auch seinen Wert, wenn das Kind damit überschüttet wird.

Wenn es generell zu einem Ungleichgewicht kommt zwischen einer Menge an Geschenken oder einer Vielzahl an Spielsachen einerseits und den seelischen Bedürfnissen eines Kindes andererseits, kommt es zu einer Materialbefriedigung, die unaufhaltsam steigen wird müssen. Kinder wollen sich wertgeschätzt, respektiert und geliebt fühlen, um ihrer selbst willen. Mit einer Überhäufung von Spielsachen, vor allem, um ein mögliches schlechtes Gewissen oder Zeitmangel zu kompensieren, kann diese Wertschätzung, die ihnen so wichtig ist, in ein falsches Licht rücken. Das kann zur Folge haben, dass sich Kinder nur wertgeschätzt fühlen, wenn sie etwas bekommen. Auch hier macht es die Qualität aus und nicht die Quantität.


Wie gehen Sie mit dem Geschenke-Überfluss zu Weihnachten und Co um? Schreiben Sie uns gerne eine Mail an kiwi@falter.at!

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