Mein 3-jähriges Kind lispelt, braucht es Logopädie?

Viele Kleinkinder entwickeln einen Sprachfehler, ob und wie man diesen behandeln muss, verrät unsere KIWI-Expertin und Logopädin Anna Maria Honeder

Barbara Fuchs
18.01.2023

Foto: Pexels

Kind in Wien: Mein 3-jähriges Kind lispelt, braucht es Logopädie?

Anna Maria Honeder: Das Lispeln an sich ist in diesem Alter kein Grund für eine logopädische Therapie, allerdings ist es auch bei einem 3-jährigen Kind sinnvoll, über die Ursachen dieser Ausspracheauffälligkeit nachzudenken, denn eventuell ist es nur ein Symptom mit bedeutungsvollerer Ursache.

Bild von Anna Maria Honeder, MEd.

Anna Maria Honeder, MEd.

Logopädin in der Kinderarztpraxis Schumanngasse

KIWI-Expertin

Kind in Wien: Wie lange dürfen Kinder lispeln oder könnte sich das doch noch rauswachsen?

Honeder: Das /s/ ist ein schwieriger Laut, für den die Zunge hinter den Zähnen eine Schwebelage einnimmt, damit er „richtig und schön“ klingt. Dafür darf man den Kindern ruhig Zeit lassen, da es eine geübte Koordination der Mundmuskulatur erfordert.

Bei gesunder Mund- und Gesichtsmuskulatur kommt es durchaus oft vor, dass sich die Zunge für den /s/-Laut spätestens nach dem Zahnwechsel optimal positioniert und das /s/ somit für die deutsche Sprache richtig klingt. 

Das ist auch der Grund, warum viele Logopäd:innen den Zahnwechsel abwarten wollen, bevor sie mit einer Therapie beginnen. Viele Eltern wünschen sich für ihr Kind allerdings eine Behandlung vor Schuleintritt, um es möglichst vor Hänseleien zu schützen. Ich denke, hier braucht es eine individuelle Herangehensweise. 

Sinnvoll ist es sicher frühzeitig in einer logopädischen Praxis vorstellig zu werden, um nach Begutachtung über die Therapierelevanz und den geeigneten Zeitpunkt zu sprechen. 

Kind in Wien: Wie wird ein S-Fehler behandelt? 

Honeder: Einerseits wird ggf. die Mund- und Gesichtsmuskulatur der Kinder durch gezielte und individuelle Übungen gestärkt, andererseits übt man den Laut zuerst auf Lautebene, später auf Silben, Wort und Satzebene, dann beim Erzählen. Wichtig ist es auch Strategien zu erarbeiten, wie die (v.a. größeren) Kinder den neuen, ungewohnten Laut dann auch in den Alltag übertragen und beim Sprechen verwenden können.

Kind in Wien: Was sind die eigentlich die Ursachen für einen S-Fehler?

Honeder: Ursache eines S-Fehlers (Sigmatismus) kann eine schwache Zungen- bzw. generell Gesichts- und Mundmuskulatur, also eine sogenannte „orofaziale Dysfunktion“ oder „myofunktionelle Störung“ sein. Dieses Muskelungleichgewicht entsteht z.B. durch eine länger anhaltende Nasenatmungsbehinderung (z.B. „Polypen“) und einer damit einhergehenden Mundatmung (z.B. nachts). Auch Zahn- und Kieferfehlstellungen (vererbt oder z.B. durch habituellen Schnuller- oder Flaschengebrauch oder häufiges Daumenlutschen erworben), oder orale Restriktionen (z.B. zu kurze Zungenbänder) können ursächlich sein.

Häufige Symptome einer orofazialen Dysfunktion können z.B. eine offene Mundhaltung, speicheln, Schlafprobleme, schnarchen, schmatzen, Vermeidung harter Konsistenzen, anhaltende Schwierigkeiten beim Stillen oder Ernährung, würgen oder angestrengtes Schlucken sein.

In diesem Fall empfehle ich in jedem Alter eine HNO-ärztliche und logopädische Begutachtung.

Manchmal kommt es vor, dass Kinder in nur manchen Situationen lispeln und damit spielen oder imitieren und in anderen Situationen auch wieder mit richtigem „S“ sprechen. Das ist allerdings völlig unbedenklich.


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