Filmkritik

Auf Ediths Spuren

Tracking Edith

Auf Ediths Spuren - Tracking Edith - © Stadtkino

Auf Ediths Spuren - Tracking Edith (Foto: Stadtkino)


Die abenteuerliche Lebensgeschichte der Wiener Fotografin Edith Tudor-Hart (geborene Suschitzky), die in den 1920ern nach England heiratete - und während des Krieges unter dem Decknamen "Edith"(!) etliche Agenten für die Sowjetunion rekrutierte.

Regie:
Regie:
Peter Stephan Jungk
Land/Jahr:
Land/Jahr:
Ö 2016
Dauer:
Dauer:
92 min
Altersfreigabe:
Altersfreigabe:
Keine Angabe
Kinostart:
Kinostart:
31. März 2017

Nichts als die Wahrheit: "Auf Ediths Spuren"

Martin Thomson | 29.03.2017

Wer als Europäer die eigene Ahnenreihe zurückspult, kommt ab einem bestimmten Punkt nicht umhin, sie mit den Bildern von Leichenbergen verknüpfen zu müssen, die sich aus den Aufnahmen von Diktatoren und Massenbewegungen herausschälen. Gerade weil sie in ihnen abwesend waren, wurden diese Bilder oft zum Anlass, nach der unsichtbaren Rolle der eigenen Vorfahren in dieser Zeit zu fragen. Ohne Rücksicht auf ihr gutes Andenken. Einzig um der Wahrheit willen.

Die Feststellung, die Peter Stephan Jungk in seiner Doku auf der Basis seiner Recherche macht, könnte lauten, dass sich der unbeirrbare Extremismus der Großtante nur unwesentlich von dem unterschied, den die Gewaltherrscher auf der weltpolitischen Bühne propagierten. Auch wenn sich Edith Tudor-Hart im Gegensatz zu ihnen primär im Verborgenen für den Sieg ihres bevorzugten Gesellschaftsmodells engagierte. Denn neben ihrer Tätigkeit als Fotografin, die den Alltag von Arbeitern in Wien und London dokumentierte, war sie (kein Witz!) auch eine global vernetzte Geheimagentin für den KGB. Jungk klagt sie zwar nicht dafür an, aber er gibt klar zu erkennen, dass er als liberaler Zeitgenosse nicht umhin kommt, ihrer Radikalität mit Unverständnis und Befremden gegenüberzustehen. Warum sie im Wissen um die Verbrechen unter Stalin weiter für die UdSSR spionierte, bleibt ihm bis zuletzt ein anstößiges Rätsel.

"Auf Ediths Spuren" ist in den Momenten am schwächsten, in denen Jungk die ohnehin aufregende Lebensgeschichte seiner Titelheldin grundlos mit Trickfilmsequenzen und Spannungsmusik zum Thriller aufbläst, und in denen am stärksten, wo er sich selbst als getriebener Historiendetektiv inszeniert, der Archive abklappert, staubige Akten wälzt und mit Historikern und Zeitzeugen detailbesessene Gespräche führt. Immer auf der Suche nach ein paar Brotkrumen mehr an Information. Zugleich wird aber auch klar, dass die reine Ansammlung von Daten niemals genügen kann, den ideologischen Abgrund zu überwinden, der ihn von seiner Großtante trennt. Die Wahrheit ist dann manchmal doch mehr als die Summe aller gegenwärtig verfügbaren Erkenntnisse.

Ab Fr im Stadtkino im Künstlerhaus (OmU) - Premiere 19.00 mit Team und Peter Suschitzky, Kameramann und Tudor-Harts Neffe

Dieser Film bei Video on demand

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