Filmkritik

Titane

© Carole Bethuel

Foto: Carole Bethuel


Die crashige Geschichte einer jungen Frau, die als Stripperin bei einer Autoshow arbeitet und jeden tötet, der ihr näherkommt. Beim Sex mit einem Ausstellungsauto wird sie schwanger, schließlich flüchtet sie vor der Polizei und in eine neue Identität. Julia Ducournaus stylisher Zweitfilm (nach dem feministischen Kannibalismus-Horror "Raw") erhielt 2021 in Cannes die Goldene Palme.

Regie:
Regie:
Julia Ducournau
Darsteller:
Darsteller:
Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Garance Marillier, Laïs Salameh, Dominique Frot, Myriem Akheddiou
Land/Jahr:
Land/Jahr:
B/F 2021
Genre:
Genre:
Drama, Science-Fiction
Dauer:
Dauer:
108 min
Altersfreigabe:
Altersfreigabe:
Keine Angabe
Festival:
Festival:
Volxkino 2022
Kinostart:
Kinostart:
4. November 2021

Harte Bandagen im Gendercrash: Fürsorge-Body-Horror "Titane"

DREHLI ROBNIK | 03.11.2021

Nach 35 Minuten von "Titane" brechen der Filmplot und das Nasenbein der furiosen Spielfilmdebütantin Agathe Rousselle. Zweiteres besorgt sie selbst in einigen Anläufen, und es ist kaum anzusehen; Auge und Ohr fühlen ja taktil mit. Der abrupte Richtungsund Tonfallwechsel im Plot wiederum folgt einem Dauerexzess: Die Heldin, eine drahtige 30-Jährige, die von Motorhauben-Tanzauftritten auf Autoshows lebt, ist eine Serienmörderin, die ihre Opfer -Frauen wie Männer, teils nach dem Sex - per Haarnadel massakriert.

Auf der Flucht vor der Polizei kommt ihr eine irre Idee, die noch dazu aufgeht: Mit Boxernase im langen Gesicht, die Brüste niederbandagiert, gibt sie sich als ein verlorener Sohn aus, der vor langem verschwunden und nun mit Sprechhemmung wieder aufgetaucht ist. Nichtenden-und nichtsehenwollend ist die Freude ihres/seines alternden Vaters (der immermüde große Vincent Lindon): Er nimmt den vermeintlichen Sohn heim zu sich, als Teil der bubensektenhaften Feuerwehrabteilung, die er charismatisch regiert; je verkrochener das Kind, desto obsessiver der knorrig-zärtliche Vaterstolz des Anabolika-Junkies.

In dieses Fürsorge-und Genderswitch-Szenario ragt ein grotesker Trauma-Plot vom Filmbeginn hinein, ebenfalls voll Schmerz und Entblößung, Manie und Kindbeziehung. Die Heldin hat das Auto in sich: Titanplatte im Kopf seit einem Crash, der sie als Kind zur Autofetischistin machte; und ein Teilmetallbaby im Bauch, nach dem Koitus nicht in, sondern mit einem Pkw. Autosex bleibt Andeutung, Cyborg eine Nebenspur; konkret sind die Hautrisse auf ihrem rasch schwellenden, mit Bandagen traktierten Bauch. Pathos heißt Leiden und wirkt als Rührung. Da hält die Französin Julia Ducournau nach ihrem Kannibalinnen-Melodram "Raw" (2016) auch bei der Regie von "Titane" Kurs. Ein heftiger Film (Goldene Palme in Cannes), auch in Musicalmomenten, wenn Dad und Sohn oder die Feuerwehrbuam - black, white, pink -zu Wehmutpopsongs oder Knüppeltechno tanzen.

Ab 3.11. in den Kinos (OmU im Gartenbau)

Dieser Film bei Video on demand

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