Empfohlen Filmkritik

Das Ereignis

L' Événement

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Frankreich, Anfang der 1960er-Jahre. Anne ist ungewollt schwanger – und damit in einer furchtbaren Lage. Schwangerschaftsabbrüche sind illegal: Wer ein Kind erwartet, ist zu einem Dasein als Mutter gezwungen oder beim lebensgefährlichen Versuch einer geheimen Abtreibung völlig auf sich allein gestellt. "Das Ereignis" von Audrey Diwan, in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, ist eine Adaption des gleichnamigen autobiografischen Romans von Annie Ernaux. Sie greift den dokumentarischen, unsentimentalen Ton der Schriftstellerin filmisch auf. Kaum zu ertragen sind die Bilder der Abtreibung(sversuche), die Anne durchstehen muss – ihr Schmerz überträgt sich geradezu körperlich auf das Publikum. (Sabina Zeithammer)

Regie:
Regie:
Audrey Diwan
Darsteller:
Darsteller:
Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet-Klein, Luàna Bajrami, Louise Orry Diquero, Louise Chevillotte, Pio Marmaï, Sandrine Bonnaire
Land/Jahr:
Land/Jahr:
F 2021
Genre:
Genre:
Drama
Dauer:
Dauer:
100 min
Altersfreigabe:
Altersfreigabe:
Keine Angabe
Kinostart:
Kinostart:
18. März 2021

Die Gesellschaft in deinem Uterus: "Das Ereignis" nach Annie Ernaux

SABINA ZEITHAMMER | 16.03.2022

Frankreich, Anfang der 1960er-Jahre. Die 23-jährige Anne ist ungewollt schwanger -und damit in einer furchtbaren Lage. Schwangerschaftsabbrüche sind illegal: Wer ein Kind erwartet, ist zu einem Dasein als Mutter gezwungen oder beim lebensgefährlichen Versuch einer geheimen Abtreibung völlig auf sich allein gestellt.

Als Anne endlich den Kontakt zu einer Engelmacherin bekommt, hat sie schon wochenlang die Härte und Gleichgültigkeit der Gesellschaft erlebt, die über ihren Uterus bestimmen will: Sie wurde belogen, verachtet und erniedrigt, von Freundinnen fallengelassen, vom Kindsvater ignoriert. Zeitdruck, Angst und Heißhungerattacken verunmöglichen ihr das Fortkommen in ihrer Ausbildung, die der hochbegabten Literaturstudentin aus ärmlichen Verhältnissen das Wichtigste ist.

"Das Ereignis" von Audrey Diwan, bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, ist eine Adaption des gleichnamigen autobiografischen Romans von Annie Ernaux. Sie greift den dokumentarischen, unsentimentalen Ton der Schriftstellerin filmisch auf: Minimalistische, das soziale Gefüge perfekt vermittelnde Dialoge begleiten die ruhigen Aufnahmen einer Kamera, die stets ganz nah bei Anne bleibt, ihr über die Schulter schaut, knapp hinter ihr geht, zu ihrem Blick wird. Anamaria Vartolomei spielt Anne als entschlossene, stille Kämpferin, während die Tonebene ihre zunehmende Isolation widerspiegelt.

Kaum zu ertragen sind die Bilder der Abtreibung (vielmehr: brutalen Abtreibungsversuche), die Anne durchstehen muss -ihr Schmerz überträgt sich geradezu körperlich auf das Publikum.

Diwans beeindruckender Film, der in seiner radikalen Schlichtheit auch aufklären möchte, fragt nicht ein einziges Mal danach, ob Anne richtig oder falsch handelt, so selbstverständlich sollte das Recht einer Frau auf Selbstbestimmung über ihren Körper sein. Doch in vielen Ländern ist der hier gezeigte Horror nach wie vor Realität -und in anderen nur eine Gesetzesänderung entfernt.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Admiral, Filmcasino und Votiv)

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