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Memoria

Tilda Swinton in: Memoria - © Match Factory / Stadtkino

Tilda Swinton in: Memoria (Foto: Match Factory / Stadtkino)


Jessica, eine an Schlafstörungen leidende Orchideenexpertin aus Schottland (quasi somnambul: Tilda Swinton), beginnt auf einer Reise in Kolumbien seltsame Geräusche wahrzunehmen: Ein Urton aus den Tiefen des Seins sucht sie gleich eines Tinnitus heim. Eigentlich wollte sie nur ihre mysteriös erkrankte Schwester besuchen, doch schon bald findet sie sich in einem unterbewussten Sinnesrausch wieder, der die Geschichte des Landes, eigene und fremde Erinnerungen sowie Träume zu einer metaphysischen Kinoerfahrung vermischt - und zuletzt buchstäblich ins Kosmische abhebt.

Regie:
Regie:
Apichatpong Weerasethakul
Darsteller:
Darsteller:
Tilda Swinton, Elkin Díaz, Jeanne Balibar, Juan Pablo Urrego, Daniel Giménez Cacho
Land/Jahr:
Land/Jahr:
D/F/COL/MEX/QAT/THAI 2021
Dauer:
Dauer:
136 min
Altersfreigabe:
Altersfreigabe:
Keine Angabe
Kinostart:
Kinostart:
24. Juni 2022

Slow Cinema für wenige Glückliche: Weerasethakuls Meisterwerk "Memoria"

MICHAEL OMASTA | 22.06.2022

Ein dumpfer Knall reißt Jessica aus dem Schlaf. Traumhapert geistert sie in der nächtlichen Wohnung herum. Alles ist ruhig, die Ursache für das Geräusch nicht zu eruieren. Schon der Grundton von "Memoria", dem neuen, rätselhaften Film von Apichatpong Weerasethakul, hat etwas Unheimliches.

Fast wie ferngesteuert begibt sich Jessica (somnambul: Tilda Swinton) auf die Spur des mysteriösen Urknalls. "Wie ein Rumpeln aus dem Kern der Erde", beschreibt sie das Geräusch dem Musikstudenten Hernán (Juan Pablo Urrego), der es im Tonstudio für sie nachbaut. Man ist sich sympathisch, eine Romanze deutet sich an; als Jessica jedoch das nächste Mal ins Studio kommt, erfährt sie, dass hier nie jemand dieses Namens gearbeitet hat.

Eines der wiederkehrenden Themen im Werk des thailändischen Meisterregisseurs Weerasethakul ist "Displacement". Oft stehen seine Protagonisten neben sich oder sind fremder Umgebung ausgesetzt, wie hier die Schottin Jessica, die in Medellín an Orchideen forscht und gerade ihre Schwester in Bogotá besucht, die an einer seltsamen Atemwegserkrankung laboriert. In "Memoria" finden solche Verschiebungen auf verschiedensten Ebenen, äußerlich wie innerlich, statt, um zum überraschenden, aber unbefriedigenden Ende buchstäblich ins Kosmische abzuheben.

Die metaphysische Unruhe freilich bleibt, denn im Laufe des Films urknallt es öfters. Jessica bleibt die einzige, die des Geräusches gewahr ist, das sie auch in Gesprächen, mitten in der Natur oder auf einer belebten Straße heimsucht. Letzteres übrigens eine gekonnte Irritation: Offenbar hat der Mann, der an einer Kreuzung stürzt, dasselbe gehört -doch der Gegenschnitt zeigt, dass es diesmal nur die Fehlzündung eines alten Busses war.

Das letzte Drittel des Films widmet sich Jessicas Begegnung mit dem Einsiedler Hernán (Elkin Diaz), der eine Art älterer Wiedergänger des Studenten ist und wie Ireneo Funes in Borges' Erzählung über das "unerbittliche Gedächtnis" verfügt: Er kann nichts wieder vergessen. Eventuell trifft das auch auf diesen Film zu -zumindest für die lucky few, die ihn sehen werden.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Gartenbau)

Dieser Film bei Video on demand

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