Lesekränzchen 7: „Das giftige Glück“, Gudrun Lerchbaum, Haymon Verlag

Das Lesekränzchen im FALTER-Buchclub ist ein Format, um gemeinsam Bücher zu lesen und zu besprechen. Durch die Kooperation mit Verlagen können wir in jedem Lesekränzchen einige Freiexemplare verlosen, die Leserunden stehen aber allen Mitgliedern des FALTER-Buchclubs offen. Hier veröffentlichen wir die besten Rezensionen der Mitlesenden. Viel Spaß beim Durchstöbern!

Rezensionen aus dem FALTER-Lesekränzchen

„Etwas Leuchtendes liegt in der Luft. Befällt Pflanzen. Und Menschen. Ist überall.“ Das Backcover des Romans „Das giftige Glück“ verspricht Spannung. In einer nicht definierten Zeit nach der Corona Pandemie passiert Seltsames. In Wien häufen sich die Todesfälle nach dem Konsum von Bärlauch – verursacht durch einen Pilz. Das Ungewöhnliche daran, die Menschen sterben allem Anschein nach in einem Zustand des reinen Glücks.

Gudrun Lerchbaum erzählt in sehr einfacher Sprache die Geschichte dieses Ereignisses aus verschiedenen Perspektiven – der Krankenpflegerin Kiki, die eine zweifelhafte Vergangenheit hat, der an schweren MS Schüben leidenden Olga und der Teenagerin
Jasse, die an der Welt verzweifelt. Ihre Geschichten sind miteinander verwoben und die unterschiedlichen Lebenswelten und Perspektiven in Bezug auf einen schnellen und glücklichen Tod prallen aufeinander.

Was sehr vielversprechend und spannend beginnt, lässt leider im Laufe des Romans immer mehr nach. Es werden zu viele unterschiedliche Themen angesprochen, von denen einige nur sehr oberflächlich behandelt werden (Corona, Religiosität, Sterbehilfe,
Verschwörungstheorien, Einsamkeit und und und).

Die Figuren machen wenig nachvollziehbare Entwicklungen durch, sie springen eher innerhalb kürzester Zeit von einer Lebensphase in die zum Teil sehr konträre nächste. So ist es schwierig, sich in die Protagonist:innen hineinzufühlen.

Auch eine – anscheinend obligatorische – sich anbahnende Liebesgeschichte darf in diesem Buch nicht fehlen, allerdings wirkt diese vom restlichen Plot komplett losgelöst und daher unpassend. Für den Handlungsverlauf ist diese zumindest vollkommen unwichtig.

Man gewinnt den Eindruck, dass sich die Autorin in den vielen angedeuteten Themen und Geschichten verrannt hat. Eine Reduzierung hätte dem Buch definitiv gut getan. Dennoch hinterlässt die Geschichte einen bleibenden Eindruck und sei es nur dahingehend, sich selbst mit dem sehr aktuellen Thema der aktiven Sterbehilfe und der
Selbsttötung zu beschäftigen.

(Rezension von Mona W.)

Mitten in der x-ten Coronawelle (die fünfte?) taucht dieses Buch auf. Es hat zwar primär nichts mit Corona zu tun, spielt aber in der Gegenwart, der Handlung sind einige Parallelen zu entnehmen und vieles erinnert an so manche Unannehmlichkeiten, wie z.B. die Berichterstattung in den Medien.

Bärlauchzeit. Allerdings ist dieser mit einem Pilz übersät, und ein Verzehr führt zum sicheren, schnellen und schönen Tod. Schön, weil man im Rauschzustand glücklich hinübergleitet. Es spricht sich schnell herum und die Menschen streben mit unterschiedlichen Motiven in den
Wald. Krank oder gesund, eine verlockende Gelegenheit, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Oder dem eines anderen. Kiki trifft im Wald, wo sie auf Wunsch ihrer todkranken Freundin Olga für sie eine Portion besorgt, auf Jasse, ein14-jähriges Mädchen, die von ihrer Mutter verlassen
wurde.

Da passiert ein Unglück, das für allerlei Verdächtigungen und Verwirrungen sorgt. Manche sehen ihre Chance, berühmt zu werden. Manche wittern das große Geld mit Organisation von „Suicide-Parties“. Auch die Sporen des Pilzes finden Verwendung – eingeatmet als
Rauschmittel. Woher kommt „Viennese Weed“? Wie wird man es wieder los? Was war Mord, was war Selbstmord? Spannend, skurril, in vielem nahe an der Realität, jedenfalls unterhaltend.
Und: „Klischees müssen nicht immer stimmen.“

(Rezension von Sabine S.)

Das Buch hat ein sehr ansprechendes Cover, ich habe es gerne zur Hand genommen. Die erste Hälfte – die ersten zehn Tage – habe ich in einem Rutsch durchgelesen, eine abwechslungsreiche, unterhaltsame und auch spannende Geschichte. Die handelnden Personen haben "Kanten und Ecken"; sie sind interessant, wenn auch etwas oberflächlich beschrieben.
Viele Themen und Probleme unserer Zeit fließen in die Geschichte ein, viele finden kurz Erwähnung (von Verschwörungstheorien, Corona, Tschernobyl, Mutationen, Asylanten bis hin zu sexuellem Missbrauch, chronischer Erkrankung, Alzheimer, Heimunterbringung, Pflege, Selbstmord, Selbstbestimmung...).

Für mich bisher gut und passend, teilweise auch recht humorvoll umgesetzt. Die Idee von dem tödlichen Pilz, der Bärlauch befällt und einen guten, glücklichen Tod ohne Nebenwirkungen bringt, finde ich bestechend. Vermutlich haben schon viele Menschen mit chronischen
Krankheiten, Depressionen oder scheinbar ausweglosen Situationen von einer Möglichkeit wie dieser geträumt; wie die Menschen im Buch damit umgehen, finde ich gut und nachvollziehbar beschrieben (bis auf den spontanen Mord, aber da Jasse ein in ihrer Pubertät und Einsamkeit
zerrissenes Mädchen ist, vielleicht sogar dieser).

Nach dem langen Verhör Kikis und dem sporeninduzierten Drogenrausch von Karol konnte ich nicht einfach aufhören zu lesen. Aber es ist Gudrun Lerchbaum meiner Meinung nach nicht gelungen, die ansprechende erste Hälfte gut fortzuführen, abzurunden und zu Ende zu bringen. Die zweite Hälfte hat mir zunehmend weniger gefallen.

Die Beschreibungen werden langatmig, die Geschichte erscheint bemüht konstruiert. Jasses Satz beim Suicide-Lunch "Es geht nicht um den Tod. Es geht darum, das Leben auszuhalten" hat mich berührt. Die Entwicklung von Olga gefiel mir im zweiten Teil des Buches noch am
besten – sie arrangiert sich mit ihrem Schicksal, das zeigt unter anderem ihre Aussage, dass "Sterben zum Leben gehört, und dass das Leben umso kostbarer erscheint, je näher man dem Ende kommt".

Dass nun zu all den anderen Themen nun auch noch Jasses Suche nach Gott, ihre damit zusammenhängenden Versuche zu Rappen und zuletzt noch CRISPR/Cas9 herhalten müssen, um die Seiten zu füllen, passt für mich dazu, dass am Ende alle zusammensitzen und sich die
Geschichte im Nichts auflöst.

(Rezension von Johanna T.)

Die Autorin versucht in diesem Roman, wo ein mit Pilz befallener Bärlauch, für die Menschen in und um Wien, entweder Glück oder Verderben bringt, das Zusammenleben und den Umgang
miteinander zu beschreiben.

Es werden sehr viele Themen, auch sehr aktuelle, angerissen, aber sehr oft nicht zu Ende geführt. Die wichtigsten Themenschwerpunkte sind Selbsttötung, Beihilfe zum Selbstmord, Mutationen, Natur, Erhöhung des Polizeiinspektors zum Richter ohne Verfahren, Migration,
Verhinderung der Einwanderung durch sehr umstrittene Maßnahmen, Glauben und Religion und das alles verpackt in einen „Krimi“ mit einer sehr eigentümlichen Liebesgeschichte.

Ist aus meiner Sicht für Leser gedacht, die schnell über aktuelle Themen in literarischer Form informiert werden wollen und die wenig Zeit dafür haben.

(Rezension von Ernst P.)

Das Buch ist im FALTER-Shop erhältlich: https://shop.falter.at/detail/9783709981498


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