Lesekränzchen 6: „Erstaunen“ Richard Powers, Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié, S. FISCHER Verlag

Das Lesekränzchen im FALTER-Buchclub ist ein Format, um gemeinsam Bücher zu lesen und zu besprechen. Durch die Kooperation mit Verlagen können wir in jedem Lesekränzchen einige Freiexemplare verlosen, die Leserunden stehen aber allen Mitgliedern des FALTER-Buchclubs offen. Hier veröffentlichen wir die besten Rezensionen der Mitlesenden. Viel Spaß beim Durchstöbern!

Rezensionen aus dem FALTER-Lesekränzchen

In „Erstaunen“ von Richard Powers kreist die Handlung um zwei Personen: Theo, verwitweter Astrobiologe, und Robin, sein Sohn. Wie in allen bisherigen Büchern verbindet Richard Powers Reflexionen über eine wissenschaftliche Disziplin mit der Schilderung menschlicher Beziehungen. In diesem Fall ist es die Astrobiologie, kurz gesagt, die Wissenschaft, die erforscht, ob es außerhalb der Erde Leben geben kann. Theo, der Vater, beschäftigt sich damit, wie diese Lebensformen aussehen könnten, wie diese von den Bedingungen auf den jeweiligen Planeten geformt sein könnten. Die phantasiereichen Schilderungen dieser Lebensformen auf weit entfernten Planeten sind Gute-Nacht-Geschichten für Robin, den neunjährigen Sohn und eine zentrale Verbindung zwischen Vater und Sohn.

Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist von zwei Aspekten geprägt. Einerseits gibt es die Wucht der Trauer um Aly, Mutter und Ehefrau, die vor zwei Jahren bei einem Autounfall verstorben ist und andererseits das Leben mit dem Asperger-Syndrom, mit dem Robin diagnostiziert wurde und das zu Schwierigkeiten von Robin in der Schule führt. Robin braucht Struktur, kann seine Affekte nur schwer kontrollieren und ist hochbegabt und hochsensibel. Der Vater versucht sein Bestes, das heißt für ihn, den Sohn soweit wie möglich sein zu lassen und alle konventionellen therapeutischen Maßnahmen zu vermeiden.

Das Mitgefühl mit dem Leiden aller Lebewesen war die zentrale Antriebskraft von Aly, die sich als Umweltaktivistin unermüdlich für den Naturschutz einsetzte, getragen auch von einer starken Naturverbundenheit. Von den Erinnerungen an gemeinsame Naturerlebnisse zehren Vater wie Sohn und versuchen diese auch wieder aufleben zu lassen.

Nachdem die Situation mit Robin an der Schule eskaliert, nimmt ihn Theo aus dem Unterricht und versucht mehr schlecht als recht mit den eigenen beruflichen Anforderungen und den Herausforderungen, die die Rund-um-Betreuung seines Sohnes mit sich bringt, zurecht zu kommen. Hoffnung verspricht ein Neuro-Feedback-Verfahren, das ein Freund der Familie Theo anbietet. Mithilfe dieses Verfahrens soll sich Robin der mentalen Welt von Aly annähern. Das Experiment gelingt, Robins Persönlichkeit verändert sich zum Positiven, aber als das Programm von staatlicher Seite eingestellt wird, beginnt eine Abwärtsspirale.

Das Buch eröffnet Einblicke in die Disziplin der Astrobiologie, die Powers mit beeindruckenden Bildern anschaulich macht. Auch die Begegnungen und Reibungspunkte zwischen Vater und Sohn sind nachvollziehbar geschildert, insbesondere wird die Überforderung des Vaters deutlich, gleichzeitig dem Sohn gerecht zu werden und mit gesellschaftliche Anforderungen so umzugehen, dass der Sohn keinen Schaden erleidet. Im Verlauf der Handlung macht sich allerdings ein Stillstand in der emotionalen Entwicklung des Vaters bemerkbar, auch nach mehr als zwei Jahre nach ihrem Tod ist Aly für ihn eine Art Heilige, die er verehrt, es gibt kein Wort der Kritik an ihrem Engagement, dem alles untergeordnet wurde.

Theo ordnet sich auch in seiner Vaterrolle dem Sohn unter, indem er ihn Entscheidungen fällen lässt, die das Kind eigentlich nicht abschätzen kann. Die Vater-Sohn-Dyade bleibt weiterhin hermetisch in ihrer gemeinsamen Trauer eingeigelt, abgesehen von dem Team rund um den Neurowissenschaftler, die noch als einzige Kontakt haben. Als das Neurofeedback-Programm keine Finanzierung mehr erhält, bleibt nur mehr die Resignation und die Auflösung des Ich, sei es im Tod oder in der Hoffnung, in der Persönlichkeit des Kindes aufzugehen.

(Rezension von Eva Fleischer)

Der verwitwete Astrobiologe Theo versucht seinen eventuell autistischen Sohn Robin so gut als möglich allein zu erziehen und ihm dabei die besondere Liebe zur Natur seiner Mutter nahezubringen. Er erhält ein Angebot, den Buben an einem Experiment teilnehmen zu lassen, das ihn empathischer machen soll. Wie erfolgreich, aber auch immer fragwürdiger das wird, ist ziemlich spannend. Dass es auf unserem Planeten eigentlich schon 5 nach 12 ist und wir nicht gerade viel dagegen tun, beweist uns Richard Powers mit diesem Roman recht eindrücklich und gut lesbar.

(Rezension von Bea Mayer)

Wer gerne Bücher liest, die ein angenehmes Gefühl hinterlassen, wer Bücher bevorzugt, die ein geschlossenes Ende haben, mit dem man auch stimmig ist, wer Bücher mag, dessen Protagonisten durchweg sympathisch sind und die nachvollziehbar handeln: Der oder die ist mit „Erstaunen“ von Richard Powers wahrscheinlich nicht gut beraten.

Wer sich trotzdem, oder vielleicht gerade weil er oder sie unbequeme Literatur bevorzugt, auf das Buch einlässt, wird mit einer Geschichte belohnt, die von den ersten Seiten an in ihren Bann zieht. Es ist die Geschichte eines Vaters und seines Sohnes, die beide nicht so recht in die „normale“ Welt passen. Beide leiden unter der Leerstelle, die der Tod der Ehefrau und Mutter hinterlassen hat. Beide scheitern auf ihre Weise an den Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt.

Der Autor entfaltet seine Erzählung langsam und bettet sie in wunderschöne Naturbeobachtungen ein. Was passiert, passiert leise, oft in Zwischentönen und Nuancen. An manchen Stellen hätte die Geschichte mehr Fahrt vertragen, aber ich habe sie sehr gern gelesen. Und nein, das Buch geht nicht gut aus.

(Rezension von Claudia Patry)

Erstaunen, der Titel trifft das Buch ganz gut. Richard Powers' neuer Roman beginnt als rührende Vater-Sohn Geschichte in einem der noch wenigen unberührteren Fleckchen Natur.

Nach einem tragischen Unfall sind Theo und sein Sohn Robin auf sich alleine gestellt. Der Wissenschaftler ist teils überfordert: mit dem Verlust seiner Frau, mit den Eigenheiten seines Sohnes, der an einer psychischen Krankheit leidet und dem Vorgehen auf der Welt im generellen.

Das Buch wandelt sich jedoch in seinem Verlauf. Während zuerst die Beziehung zwischen Vater und Sohn, ihr Umgehen mit dem Verlust und den Wutanfällen Theos im Mittelpunkt steht, wird nach und nach mehr in die Geschichte gepackt. Sei es die Zerstörung der Umwelt, Nationen die immer nationaler agieren, ein Präsident der nur an sich selbst denkt, oder die Wissenschaft die immer mehr von externer Finanzierung abhängig wird und sich auf Talk-Show Niveau begibt.

Das Buch an sich liest sich sehr schnell, man möchte erfahren, wie es weitergeht. Wie sich Robin entwickelt und ob sich die experimentelle Behandlungsmethodik des neurocodierten Feedbacks bewährt. Leider bleibt die Charakterentwicklung, besonders bei Theo, hinter den Erwartungen zurück. Die verstorbene Aly bleibt während des ganzen Romans auf ihrem Podest erhoben und wird beinahe als gottgleiche (göttinnengleiche ;-)) Figur dargestellt. Insgesamt werden mir zu viele aktuelle Themen behandelt, diese dabei allerdings nur gestreift.

Persönlich hätte ich mir bei den behandelten Themen mehr Fokus gewünscht. Zweifelsohne sind alle Themen die behandelt werden aktuell und wichtig. Da sie allerdings nur gestreift werden, wird nichts so richtig greifbar.

Fazit: Empfehlenswert als Urlaubslektüre. Für den Herbst/Winter, wo es für mich auch gerne einmal intensive Literatur sein darf, würde ich allerdings spezifischere Titel empfehlen.

(Rezension von Felix Hochleitner)

Vater Theo und Sohn Robin - eine berührende Geschichte. Robin, durch den Tod seiner Mutter Aly traumatisiert, möchte in die Fußstapfen seiner verstorbenen Mutter treten, die bis zu ihrem Tod als Aktivistin für die Umwelt tätig war. Vater Theo ist Astrobiologe und forscht nach Leben auf anderen Planeten im Universum. Sehr schön sind die gemeinsamen Ausflüge von Vater und Sohn in die Natur beschrieben, ebenso die Geschichten über imaginäre Planeten, die Theo dem Jungen erzählt.

Probleme Robins in der Schule und die Anforderungen, die sein Beruf an ihn stellt, setzen den Vater zunehmend unter Druck.

Durch eine Neurofeedback-Methode eines befreundeten Wissenschaftlers erreicht Robin große Fortschritte und wird ruhiger, emotional ausgeglichener und fühlt sich seiner Mutter näher.

Die Regierung Amerikas unter Donald Trump streicht allerdings rigoros die Mittel sowohl für Neurofeedback-Behandlungen als auch für die Astrobiologie drastisch.

Robins Fortschritte entwickeln sich zurück, sein Vater und er sind frustriert und angewidert von der Politik und der mangelnden Bereitschaft, Verantwortung für die Natur zu übernehmen.

Das Buch weist vielleicht einige Schwächen im Hinblick auf den Vater, seine Eifersucht und seine mangelnde Entwicklung auf, aber ist ist ein Roman, keine wissenschaftliche Abhandlung. Ich finde, es ist großartig geschrieben und es hat mich sehr nachdenklich gemacht.

(Rezension von Ulrike Brindl)

Theo Byrne ist ein eher weltfremder Astrobiologe – Wissenschaftler und Lehrender, der nach dem Tod seiner Frau Aly mit der Betreuung und Erziehung seines Sohnes überfordert ist. Mit Wanderungen in der Natur der Smokies und fantastischen Geschichten über besiedelte Planten versucht er ihrer beider Trauer zu überwinden.

Er möchte den gemeinsamen Sohn unbedingt im Sinne Alys aufwachsen sehen. Robin hat aufgrund Asperger Schwierigkeiten mit seinen Mitschülern und Lehrern. Sein Vater lehnt aber medikamentöse Behandlungen ab. Erst nach längerer Überlegung und bereits in einer ausweglosen Betreuungssituation nach einem Konflikt Robins mit seinem besten Freund stimmt Theo einer neuartigen Neuro-Feedback-Behandlung zu. Diese bewirkt starke Veränderungen der Persönlichkeit Robins, der zunehmend die Eigenschaften seiner Mutter annimmt und sich sehr für den Schutz gefährdeter Tierarten einsetzt. Diese Veränderungen verunsichern Theo und er ist immer weniger in der Lage, seine Vaterrolle wahr zu nehmen. Außerdem quält ihn Eifersucht.

Im Buch wird neben ausführlichen Naturbeschreibungen und die Aktionen zum Klimaschutz auch auf die politische Lage in den USA eingegangen. Kürzungen der Budgetmittel unterbrechen sowohl die berufliche Tätigkeit Theos als auch die Behandlung Robins und so spitzt sich die Lage zu. Das herbeigesehnte Happy-End bleibt leider aus.

(Rezension von Brigitte Raicher)

Das Buch ist im FALTER-Shop erhältlich: https://shop.falter.at/detail/9783103971095