Lesekränzchen 1: „flüchtig“ Hubert Achleitner, Paul Zsolnay Verlag

Das Lesekränzchen im FALTER-Buchclub ist ein Format, um gemeinsam Bücher zu lesen und zu besprechen. Durch die Kooperation mit Verlagen können wir in jedem Lesekränzchen einige Freiexemplare verlosen, die Leserunden stehen aber allen Mitgliedern des FALTER-Buchclubs offen. Hier veröffentlichen wir die besten Rezensionen der Mitlesenden. Viel Spaß beim Durchstöbern!

Rezensionen aus dem FALTER-Lesekränzchen

„Flüchtig“, ein später Romanerstling von Hubert Achleitner aka von Goisern, ist eine Offenbarung, die sich nicht allen erschließen können wird. Wer jedoch genügend Geduld und Neugier aufbringt, wird letztendlich verstehen, und das Büchlein vielleicht sogar befriedigt schließen.

Es geht um verschüttete Zuneigung und verlorenes Verständnis füreinander im Alltag eines langen Zusammenlebens, um beiderseitiges Gefühl der Unterlegenheit und Abhängigkeit, um vergebliche Versuche das Fehlende irgendwie zu ersetzen, und schließlich um den Abbruch und Aufbruch der weiblichen Protagonistin Maria in eine Reise, weg von der Beziehung, in den Sehnsuchtsort „Süden“.

Hubert von Goisern ist eindeutig ein begnadeter Musiker, der ländliche und urbane Stimmungen in seiner Musik verbindet. Dies ist auch in seinem Roman durchgehend spürbar. Die Stimmungen und Beziehungen der handelnden Personen zueinander werden mit Musik codiert, das Innere steht im Vordergrund, das Äußere der Personen wird kaum beschrieben.

Die Sprache ist teils distanziert beschreibend, teils lyrisch, aber auch manchmal verstörend direkt. Wer mit dem ungewöhnlichen Erzählstil Schwierigkeiten hat, sollte Geduld haben und bis zum Ende lesen. Es zahlt sich aus.

(Rezension von Josef Hauer)

‚Flüchtig‘ ist ein leichtes, sommerliches Buch über lange und flüchtige Beziehungen, über Spiritualität, Landschaften, Griechenland, Musik und das Leben. Der Autor schlüpft glaubwürdig in die Rolle der weiblichen Hauptdarstellerin und lässt sie verschwinden – flüchten – aus ihrem bisherigen Leben.

Unterwegs begegnet sie flüchtigen Beziehungen und sie strandet in Griechenland. Was dabei mit den Zurückbleibenden und ihren neuen Bekanntschaften passiert wird eindrucksvoll und nicht zu viel oder zu wenig geschildert. Verständlicherweise werden Natur und Musik am schönsten beschrieben – der Autor gleitet nicht ins Kitschige ab.

Für ein Erstlingswerk ist der Spannungsbogen geschickt aufrecht gehalten bis zum Ende – welches eine Fortsetzung möglich macht. Man ist neugierig, was mit den Protagonisten weiter passiert.

(Rezension von Gabriele Freudenthaler)

Das Buch lässt einen ambivalent zurück. Mancherorts hat man damit zu kämpfen, dass einem Hubert von Goisern beim Lesen über die Schultern schaut. Adjektive und Metaphern werden im Buch sehr inflationär verwendet; weniger wäre mehr gewesen. Manche Passagen schrammen sprachlich nahe am Kitsch entlang. Phasenweise zieht einen das Buch in seinen Bann, dann wieder möchte man am liebsten aufhören zu lesen.

Man hat den Eindruck, dass es an manchen Stellen so richtig geflutscht ist beim Schreiben und diese Stellen sind schön und super, dann wieder hat der Autor sich abgemüht. Schön wird das Buch immer dann, wenn es um Musik geht, da spürt man die Leidenschaft des Autors. Während der Mittelteil ausgefranst, ist das Ende sehr spannend, vor allem der Brief der zentralen Figur Maria an ihren verlassenen Ehemann.

Die Geschichte selbst hat mir gut gefallen, doch der hätte da wohl noch ein wenig mehr herausholen können.

(Rezension von Barbara Lehner)

Maria und Wig sind ein Paar in den besten Jahren. Von außen betrachtet scheinen sie ein gutes Leben zu führen. Doch von innen gesehen ist die Beziehung stagniert und lässt für Entwicklung keinen Raum. Besonders Maria fühlt sich wie eine Gefangene. Eines Tages bricht sie aus.

Die Handlung beginnt, als Maria plötzlich und spurlos aus Wigs Leben, noch dazu mit seinem Auto und dem gemeinsam Ersparten, verschwindet. Ich stelle mir vor, wie Hubert Achleitner, alias Hubert von Goisern, die Lebensfäden seiner ProtagonistenInnen spinnt. Gefühlvoll tastet er nach dem alle und alles verbindenden Geheimnis. Aus alten und neuen Begegnungen, uraltem Wissen und Phantasie verwebt er die Fäden sprachlich geschickt, auch mit Witz, zu dem Teppich, der sich im vorliegenden Buch vor den LeserInnen ausbreitet. Die Sicht auf eine Vielfalt von Lebensrealitäten wird frei.

Ich komme nicht umhin bei der Lektüre an das Gedicht “Ein alter Tibetteppich” von Else Lasker Schüler zu denken. Schimmert doch auch in diesem Roman etwas von Hubert von Goisern‘s buddhistischer Weltsicht durch. Eine feine Lektüre! Man möchte fliegen, so wie im Buch der Mönch vom Berg Athos.

(Rezension von Friederike Kommer)

Man spürt beim Lesen von „flüchtig“ förmlich, dass es für den Autor eine Herzensangelegenheit war, dieses Buch zu schreiben. Es wollte geschrieben werden.

Hubert Achleitner, aka Hubert von Goisern, nimmt uns mit auf einen Roadtrip, quer durch Europa und quer durch einige Jahrzehnte. Wir nähern uns beim Lesen nicht nur den besuchten Orten an, sondern auch schrittweise den inneren Landkarten der Protagonist*innen.

Es ist ein Beziehungsroman geworden, aber auch eine Erzählung über das Leben und seine verschlungenen Pfade, auch die, die man lieber nicht eingeschlagen hätte. Die Leserin wird dabei unweigerlich gezwungen, sich selbst zu fragen: Fühlt sich mein Leben richtig an? Gebe ich allen Anteilen Raum, die gelebt werden wollen?

Wie in einen bunten Teppich webt Hubert Achleitner dabei viel Lokalkolorit, poetische Aphorismen, die manchmal auch bitter sein dürfen, sowie einige schillernde Fäden Musikgeschichte ein. Es ist ein schöner Teppich geworden.

(Rezension von Magdalena Kasper)

Das Buch ist im FALTER-Shop erhältlich: https://shop.falter.at/detail/9783552059726