Lesekränzchen 10: „Maria malt“, Kirstin Breitenfellner, Picus Verlag

Das Lesekränzchen im FALTER-Buchclub ist ein Format, um gemeinsam Bücher zu lesen und zu besprechen. Durch die Kooperation mit Verlagen können wir in jedem Lesekränzchen einige Freiexemplare verlosen, die Leserunden stehen aber allen Mitgliedern des FALTER-Buchclubs offen. Hier veröffentlichen wir die besten Rezensionen der Mitlesenden. Viel Spaß beim Durchstöbern!

Rezensionen aus dem FALTER-Lesekränzchen

Der biografische Roman „Maria malt“ von Kirstin Breitenfellner stellt das Leben der österreichischen Malerin Maria Lassnig aus der Sicht der Malerin vor. Die Inhalte des Buches wurden anhand des Schriftverkehrs Maria Lassnigs mit ihrer Mutter und ihren beiden Stiefvätern bzw. aus deren Notizheften recherchiert. Fiktive Geschichten zwischen diesen realen Zeitdokumenten erweitern die Biografie zum Roman. Die Erzählung erstellt das Bild der Frau in der Kunst im vorigen Jahrhundert vor allem aus der Innensicht von Maria Lassnig. Darüber hinaus bedient sich Kirstin Breitfellner der kurzen und prägnanten Ausdrucksweise der Künstlerin und setzt Zeitsprünge als Spannungselemente ein.

Resümee:

Das Buch beinhaltet so viele Informationen zur Welt der Kunstschaffenden des vorigen Jahrhunderts, dass es direkt dazu auffordert, sich mit den Werken der österreichischen Künstlerinnen und Künstler auseinanderzusetzen. Die Erzählung über die Gefühlswelt der Maria Lassnig und ihren Werdegang regt an, sich im Besonderen ihre Malerei zu betrachten und sich selbst ein Bild dieser Ausnahmekünstlerin Österreichs zum machen.

(Rezension von Brigitte R.)

Kirstin Breitenfellner hat das Sprechen für Maria Lassnig übernommen. Sie hat einen Roman über die Ausnahmekünstlerin geschrieben: Maria malt, so der schlichte, aber bezeichnende Titel. Ein Projekt, an dem die Autorin fünf Jahre gearbeitet hat. Über drei Jahre hat sie nur recherchiert.

Der vorliegende Roman ist zweifelsohne ein großes Verdienst. Hut ab vor dieser Mammutanstrengung. Da sind die biografischen Fakten. Da Breitenfellners Versuch, daraus eine Story zu entwickeln. In dieser Verquickung allerdings liegt für mich die Crux. Der Ton ist meines Erachtens für einen Roman zu faktisch. Für eine Biografie zu fiktional. Ich jedenfalls war ich mir nie sicher, lese ich hier durch die Brille der Autorin deren Einschätzung, eine Interpretation, oder erfahr ich hier etwas Authentisches zu Maria Lassnig und ihrem Umfeld. Fragezeichen. Worum es der Autorin als erstes geht, ist sofort erkennbar. Frauen wurden und werden im männerdominierten Kunstbetrieb klein gehalten. Das entspricht zwar den Tatsachen, “Dass es in der Malerei nicht um Talent geht, sondern um Geschlecht.“ (Seite 67), dennoch hat sie Männern auch so Manches zu verdanken. Sie ist alles andere denn eine Nonne, oder eiserne Jungfrau. Ihre amourösen Verbindungen, etwa mit dem jungen Arnulf Rainer, mit Michael Guttenbrunner, Ossi Wiener, oder Pahdi Frieberger, formen sie auch. Im Positiven, wie im Negativen. Aber es stimmt schon, die Chancen für Frauen, sich in der Kunstszene nach dem 2.Weltkrieg durchzusetzen, waren gegen Null. Und wird heutzutage nicht viel anders sein…

Das Buch Maria malt hat mich erreicht. Erreicht und irritiert. Erreicht als atmosphärisches Künstlerinnenportrait und Zeitbild. Irritiert als fiktiver Roman. Da lese ich etwa Dialoge zwischen A.Rainer und Maria L. (Seite 148), oder zwischen ihr und Ossi Wiener (Seite 213/214) und denke mir, wie kühn. Dafür gibt es wahrscheinlich keine Quelle, keinen Tagebucheintrag, keine überlieferte Anekdote. Auch die gelegentlichen, zeitlichen Sprünge hemmen etwas den Lesefluss. Ich muss zugeben, ich habe des Öfteren den Faden verloren. Aber es macht andererseits auch Spaß, sich die eine oder andere Leerstelle selbst auszumalen, ist es doch in erster Linie ja auch eine Story über die Malerei. Malen nach Zahlen, sozusagen. Das Ergebnis: eine Lektüre, die sich in jedem Fall auszahlt.

(Rezension von Friedrich H.)

Kristin Breitenfellner spannt über 452 Seiten den Bogen über die schwierige Biografie von Maria Lassnig, von der Kindheit bei der Großmutter bis ins Jahr 1999, in dem die Künstlerin ihr 80. Lebensjahr vollendet. Die späte Anerkennung, die ihr von 1999 bis 2014 in Form von Ausstellungen, Preisen und Publikationen zuteil wird, findet Platz im Epilog.

Der Roman beginnt eher ruhig mit den ersten Jahren Marias bei der Großmutter. Sie ist ein verschlossenes, sonderbares Kind. Mit sechs Jahren übersiedelt sie zur Mutter ins Bäckerhaus nach Klagenfurt, wird mit zehn Schülerin der Ursulinerinnen und erhält Zeichenunterricht. Auf das Gerüst der wohl recherchierten Fakten kann man sich verlassen. Prägnante Zitate fließen in den Text ein. Die nackten Tatsachen verwebt die Autorin mit Dialogen und der mit allen Sinnen erfahrbaren atmosphärischen Schilderung von Kontexten, etwa der Avantgarde im Strohkoffer, der Suche nach der Moderne 1951 in Paris, dem Atelier in der Bräuhausgasse und dem Auf und Ab ihrer amourösen Beziehungen mit meist jüngeren Männern, allen voran mit Arnulf Rainer. In Erinnerung bleibt der Satz “Das Gehirn juckt mich”. Erforscherin ihrer selbst, ihrer Empfindungen und des Urgrunds ihrer Kunst war Maria Lassnig ein Leben lang. Sie hat durchaus Förderer, die ihre Kunst verstehen. Dem Erfolg im Kunstbetrieb steht sie aber distanziert, skeptisch und unbeholfen gegenüber.

Erst als alte Frau feiert Maria Lassnig ihre großen Erfolge. Erst dann wird der kompromisslosen und mit sich um Wahrheit ringenden Künstlerin die Anerkennung zuteil, die vielen ihrer männlichen Künstlerkollegen schon längst in den Schoß gefallen ist. Ihr letztes Atelier befindet sich in der Maxingstraße in Wien Hietzing. Die Straße, die entlang der Schönbrunner Schlossmauer nach oben führt, ist eng. Aus der Sprache weicht das Getriebensein. Der Ton wird am Ende philosophisch ruhig. Das Rätsel der weißen Frau, die im Prolog geheimnisvoll die Bühne betritt, erscheint im 12., dem letzten Kapitel wieder, als Botin der Mutter, Engel, lebenslange Muse? “Sie kann mich jetzt noch nicht holen. Ich bin noch neugierig … auf die Bilder, die ich noch malen werde. Denn meine Bilder sind klüger als ich.” Mit diesem Satz endet Kirstin Breitenfellners spannender Roman “Maria malt”.

(Rezension von Friederike K.)

Der Prolog mit der weißen Frau hat mich beeindruckt. Das dazugehörige Bild hätte ich mir im Buch gewünscht, mir persönlich reicht die sprachliche Beschreibung eines Bildes nicht aus.
Eindrucksvoll war die Erzählung über das Aufwachsen Marias als "lediges" Kind bei ihrer Großmutter in einem kleinen Kärntner Dorf.. Die Mutter holte sie dann mit Schulbeginn zu sich nach Klagenfurt, zu ihrem neuen Mann.
Das Talent zum Zeichnen und Malen hat sich bei Maria schon früh manifestiert.
Die zeitlichen Sprünge zwischen Marias Aufwachsen, dem 2. Weltkrieg, ihre Jahre an der Akademie und ihre Zeit in Wien erforderten Konzentration, wie überhaupt das ganze Buch keine Lektüre für Nebenbei ist.
Ich habe durch das Buch viel Neues erfahren, über die Person Maria Lassnig und den Kunstbetrieb in Österreich in den Nachkriegs- und späteren Jahren.
Maria Lassnig war sicher eine schwierige und schwermütige Persönlichkeit, die sich praktisch selbst im Weg gestanden ist, was ihre Anerkennung als Künstlerin betrifft

(Rezension von Ulrike B.)

Ein sehr komplexes Buch, sicherlich keine leichte Kost, aber auf jeden Fall lesenswert. Der Prolog ist ein spannender Einstieg, der in einem Zitat, gleich eine exzellente, äußerst scharfsichtige Selbstbeschreibung der Künstlerin liefert. „Ich habe eine Leidenschaft für die Philosophie, eine unglückliche Liebe zur Literatur, eine Lebensheirat mit der Malerei, eine Untauglichkeit für das Leben und eine Versäumnistodesstraße für die Liebe...“

Die Kindheitsgeschichte von Riedi, erst in ihrer bäuerlichen Umgebung, dann in Klagenfurt und das spannungsgeladene Verhältnis zur Mutter sind gut dargestellt. Die „Sturheit“ des Kindes setzt sich im späteren Leben der Künstlerin fort.

Großartig geschrieben die Reise nach Paris und ihre „Erleuchtung“ bezüglich ihres Kunststils. Auch der Einblick in das harte Künstlerleben in Wien ist faszinierend. Was mir ganz ungeheuer gut gefällt, Beschreibungen, wie Lassnig malt. Man fühlt und sieht mit, wie die Bilder entstehen, ich empfinde das als sehr intensiv.

Viel Raum ist auch ihren – durchwegs jüngeren Männern gewidmet. Ihr Drang nach Unabhängigkeit lässt – vielleicht zurecht – nicht zu, dass sie sich länger oder gar fest bindet. Zu groß ist ihre Angst, nicht mehr malen zu können. Sie sieht sich schnell im Widerstreit mit Männern, die sie nicht sein lassen, wie sie will. Sie macht oft Schluss, wenn nicht die Männer schon vorher Schluss machen und trauert den Männern, vor allem denen, die sie selbst von sich stieß, dann lange nach.

Man lernt sehr viel über die Kunstszene der Nachkriegszeit. Es gibt einige Längen und vor allem sehr viele Wiederholungen, die den Lesefluss und die Lesefreude stören. Das Genre pendelt zwischen Biographie, unterhaltsam geschriebener, und zugegebenermaßen hochinformativer Kunst/Zeitgeschichte der Nachkriegszeit und Roman, was manchmal etwas irritiert. Die Sprache – sehr knappe kurze Sätze – soll den pragmatischen Sprachstil der Malerin wiedergeben. Meiner Meinung nach wäre dies eher ein gutes Stilmittel für kürzere Passagen gewesen und hätte auch die Unterscheidung zwischen Fiktion und Zitat aus Aufzeichnungen gut akzentuiert.
Ein versöhnlicher Schlusssatz der am Ende so erfolgreichen Malerin. „Ich bin Maria ohne Bart!“

Man musste sie zur Kenntnis nehmen auch, wenn es sehr langsam ging. Wie sie sagt. „Ich habe langsam gelebt, deshalb muss ich noch alt werden. „Das ist ihr gelungen.

(Rezension von Dagmar C.)

Umschlag zeigt das Bild: Selbstporträt als Tier von Maria Lassnig. Natur, Tiere, Ausbeutung, Körpergefühle, Emotionen, spielen eine sehr große Rolle in den Zeichnungen und Gemälden der Künstlerin. Die Erzählung der frühesten Kindheit hat mich gleich in den Bann gezogen. Im Buch gibt es Zeitsprünge, die das Lesen spannend machen.
Ich gebe zu, manchmal musste ich, zum besseren Verständnis, Namen und Begebenheiten googeln. Die Autorin berichtet sehr viel vom Umfeld der Malerin, ihren Lebensgefährten, vom Scheitern von Beziehungen, von Stolpersteinen im Vorwärtskommen.
Für mich das Interessanteste war, die Beziehung von Maria Lassnig zu ihrer Mutter, die lebenslang von großer Bedeutung war.
Ein großartiger gelungener Roman, den ich allen empfehlen möchte, der sich für das private Leben von Künstler abseits der Werke interessiert.

(Rezension von Roswitha R.)

Das Buch ist im FALTER-Shop erhältlich: https://shop.falter.at/detail/9783711721303


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