Bars Lokalkritik

Pigalle

© Heribert Corn

Foto: Heribert Corn


Cocktailbar mit französischem Flair auf zwei Etagen.

Adresse:
Adresse:
Praterstraße 9
1020 Wien
Telefon:
Telefon:
0670/656 19 73
E-Mail:
E-Mail:
office@pigalle-wien.com
Website:
Website:
pigalle-wien.com
instagram.com/pigalle.vienna
Öffnungszeiten:
Öffnungszeiten:
Mi–Sa 18–1 derzeit geschlossen
Lokaltyp:
Lokaltyp:
Bars

Mausefalle, zuckersüß

Oder: Der Versuch, aus einem alten Espresso was Verruchtes werden zu lassen

FLORIAN HOLZER | 13.12.2022

Bill Ramsey. Ist man alt, wenn man diese Schlager des deutsch-amerikanischen Ex-GIs mitsingen kann? Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett? Wumba-Tumba Schokoladeneisverkäufer? Souvenirs Souvenirs? Ganz offensichtlich.

Egal. Einer der größten Hits Ramseys besang den Place Pigalle in Paris und stellte das dortige Rotlichtviertel als Hort heiterer Internationalität dar. Prostitution war zwar auch schon damals eher eine Sache von Elend, Zurschaustellung und Ausbeutung von jungen Frauen durch alte Männer, aber he, es waren die 60er.

Dieses Gefühl heiterer Unbeschwertheit, verbrämt mit einer kleinen Portion Verruchtheit und Abenteuer, hat sich im kollektiven Bewusstsein offenbar irgendwie festgesetzt und brachte auch die Leute vom Ramasuri – rund um Gabriel Alaev eine Reihe anderer Gastronomen und Unternehmer, die miteinander vernetzt etwa die Lokale Pizza Randale, Zazatam, Café Drechsler, Tewa und Weinschenke betreiben – dazu, ihr jüngstes Lokal so zu nennen. Als Objekt dafür wählten sie ein altes Espresso Ecke Praterstraße/Große Mohrengasse, in dem sich über die Jahrzehnte immer diverse Tschocherln befunden hatten. Und nachdem ein Nachtclub am anderen Ende der Mohrengasse seinen Namen von Pigalle in Club 44 geändert hatte, stand dem nichts im Wege.

Das Konzept: französische Cocktails, verruchte „Safe Space“-Atmosphäre, französisch inspirierte Barsnacks. Wunderbar, das kleine Lokal erhielt eine rot funkelnde Bar, einen Kronleuchter, rotsamtene Sitzbänke, eine Glitzerwand und eine mächtige, sehr pariserisch wirkende Markise. Kleines Problem vielleicht: Das Lokal ist auf drei Seiten verglast, also quasi das Gegenteil von verrucht und „Safe Space“. Das wurde mit schwarzen Vorhängen gelöst, man hat da jetzt also ein vollverglastes, abgehängtes Lokal. Weiß nicht.

Auch sonst hapert’s an den atmosphärisch wichtigen Details. Keine französische Musik, kein französisches Personal, auch keine französischen Barsnacks, konkret gar kein Bar Food, man sei noch nicht so weit, im Jänner dann vielleicht. Die meisten Cocktails tragen französisch anmutende Namen und sind Haus-Kreationen, „Juge pas“ zum Beispiel, ein Rosé-Crémant mit Falernum und Grapefruit, sieht hübsch aus, schmeckt – wie fast alle Signature Cocktails – in erster Linie süß (€ 10,–). Ein „Smoke Grass“ erwies sich als doch recht dünner Highball aus Mezcal, Curaçao und Soda, auch eher jugendfrei (€ 13,–).

Sagen wir’s freundlich: An dem Konzept könnte man noch ein bisschen feilen. Und einstweilen ins Le Troquet gehen und nachsehen, wie eine charmant verruchte französische Bar geht.

Resümee:

Eine französische Bar mit einer Prise Verruchtheit zu machen ist ja eine gute Idee. Man muss halt wissen, wie so etwas aussieht. F



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