Terror - FALTER.maily #36

Raimund Löw
Versendet am 10.10.2019

in der Synagoge von Halle in Deutschland war gestern offenbar ein Massaker nach dem Vorbild von Christchurch geplant. Der rechtsextreme Terror ist wieder voll da. In Neuseeland hatte ein Attentäter 51 Gläubige in zwei vollbesetzten Moscheen erschossen. Gestern ist in Deutschland ein ähnliches Blutbad in einer Synagoge nur knapp vermieden worden. Auf dem Helm des Angreifers von Halle ist eine GoPro-Kamera zu sehen, ganz so wie beim Killer in Neuseeland. Die Bilder wurden über eine Streaming-Plattform ins Internet gestellt. Weil die Waffen des Mörders nicht funktionierten und weil die Gläubigen in der Synagoge den Eingang blockiert haben, ist der Anschlag gescheitert.

Der Zentralrat der Juden Deutschlands kritisiert, dass es an Yom Kippur, dem hohen jüdischen Feiertag, in Halle keinen Polizeischutz für die Synagoge gab. Polizisten und Sicherheitskameras vor Gotteshäusern aufzustellen ist leichter als dem Hasspotential gegen Minderheiten entgegen zu treten. In Deutschland gibt es 12.000 gewaltbereite Rechtsextremisten. Wenn das Verhältnis Deutschland zu Österreich auch in diesem Bereich gilt, sind 1200 Rechtsextreme bei uns genauso gefährlich.

Als Insel der Seligen, wie das einst ein Papst formuliert hat, empfindet sich Österreich nicht mehr. Aber doch oft als Insel. Unsere Wirklichkeit ist anders. Das zeigt die Geistesverwandtschaft zwischen den österreichischen Identitären, die lange als eine Art Jugendorganisation der FPÖ agierten, und dem Attentäter von Christchurch. Der Mann hat bekanntlich, bevor er Terrorist wurde, dem österreichischen Identitärenchef eine Spende überwiesen.

Wie stark wir Österreicher mit den Konflikten der Welt zusammenhängen, beweist aber auch eine andere Entwicklung. Wenige Tage, bevor eine türkische Offensive gegen die syrischen Kurdengebiete eingesetzt hat, wurden zwei Kleinkinder aus kurdischen Gefangenenlagern nach Österreich geholt. Die Mutter ist als Teenager ins IS-Gebiet gereist, die Kinder sind jetzt bei den Wiener Großeltern, die ursprünglich aus Bosnien kommen. Bravo, Großeltern! Über die abenteuerliche Rettungsaktion erzählt der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger, der sie mitorganisiert hat, im aktuellen Falter-Podcast.

Die kurdischen Milizen in Nordsyrien, die den IS militärisch besiegt haben, sind gerade von den USA verraten worden. US-Präsident Trump hat den Rückzug der amerikanischen Militärs aus der Region befohlen. Die Türkei interpretiert den Schritt als grünes Licht von den Angriff gegen die Kurden, der begonnen hat. The Daily, der Podcast der New York Times, zeichnet den beschämenden Verrat nach. Innenpolitisch schafft es Trump Probleme, dass er sich von den Kurden abwendet. Erstmals wenden sich jetzt auch einige republikanische Verbündete von Trump ab. Ein Zeichen, wie geschwächt der Präsident durch das Impeachment-Verfahren ist, das im US-Kongress begonnen hat. Den Hintergrund habe ich im aktuellen Falter zusammengefasst.

Die geplante türkische Offensive zur Eroberung eines Grenzstreifens in Nordsyrien hat auch damit zu tun, dass die Türkei behauptet, dass sie dort syrische Flüchtlinge ansiedeln will. Viele Millionen Flüchtlinge sitzen in den Nachbarstaaten fest. Die Türkei, der Libanon und Jordanien können nicht wie Österreich behaupten, dass sie irgendwelche Routen schließen, sei es am Balkan oder über das Mittelmeer. Aber egal, was man uns glauben machen will - in ein Inseldasein werden auch wir Austrians nicht flüchten können.

Mit herzlichen Grüßen,

Raimund Löw

P.S.: Sie merken, ich schaffe es heute nicht, mich auf die heimische Innenpolitik zu konzentrieren. Die Klimaprotestbewegung "Extinction Rebellion", die international Aufsehen erregt, ist auch in Österreich aktiv. Nach einer spektakulären Besetzung der Salztorbrücke in Wien gestern Abend ist heute eine angemeldete Demonstration geplant. Was bei den gestrigen Sondierungen von ÖVP-Chef Kurz mit Neos-Chefin Meinl- Reisinger und Grünen-Chef Werner Kogler passiert ist, muss bei den jeweiligen Parteien auch noch verdaut werden. Immerhin: Kanzlerkandidat Sebastian Kurz hat es in die New York Times geschafft. Wie toll das ist, hängt von der Einschätzung ab. Er gilt der New York Times als Beispiel für den vorherrschenden rechtspopulistischen Drall bei konservativen Parteien.

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Kann es wirklich sein, dass US-Präsident Donald Trump auf Twitter von seiner eigenen "großen und unvergleichlichen Weisheit" - unmatched wisdom - schwärmt? Ganz ohne Ironie? Klingt wie Kaiser Franz Joseph auf Crystal Meth, ätzt auf Twitter Stefan A. Sengl. Trump hat sich bereits früher als "very stable genius" beschrieben, als psychisch stabiles Genie. Damals hatten amerikanische Psychiater gerade die Ferndiagnose losgelassen, dass der US-Präsident ein Fall für die Medizin sei. Einen guten Überblick in Sachen Trump-Weisheit bietet der britische Guardian.

Fotozeitschriften, wie es das vor 50 Jahren gegeben hat, sind out. Kaum noch wahrnehmbar. Fotos erzählen aber auch in unserer medial übersättigten Zeit noch starke Geschichten. Das beweisen die Fotos der Woche des amerikanischen Magazins The Atlantic. Der ukrainische Special Forces Mann auf Foto 1 hat gleich vier Kameras am Helm. Sparen bei der Technik dürfte in Kiew kein großes Thema sein, zumindest bei öffentlichen Shows. Fotos 11-16 erinnern daran, dass es zur Zeit gleichzeitige aufstandsähnliche Bewegungen auf allen Kontinenten gibt, von Indonesien und Hongkong über Bagdad, Athen und Haiti. Aber es gibt nicht nur Politik bei den Fotos der Woche des Atlantic.

Puls 4, 20.15 Uhr: Wir sind hier bei den TV-Tipps ja sehr politisch, darum hier ein Film, in dem es um Politik, aber auch um Religion geht, und das noch in der Zwischenkriegszeit: "Indiana Jones: Jäger des verlorenen Schatzes". Besser als der zweite, schlechter als der dritte, und sehr viel besser als der vierte Teil.

Ö1, 21.00 Uhr: Kein TV-, sondern ein Hörtipp: Michael Chalupka, der neue Bischof der evangelischen Kirche A.B. in Österreich, im ausführlichen Gespräch mit Renata Schmidtkunz. Die Sendung wurde im Jänner erstausgestrahlt. Danke an Maily-Leserin Klaudia Zeininger für die Empfehlung!


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