Debatte - FALTER.maily #43

Klaus Nüchtern
Versendet am 18.10.2019

das Wort fällt dieser Tage andauernd, aber was bedeutet der Begriff "Debatte" tatsächlich? Beruht eine Debatte, die den Namen verdiente, nicht auf der Bereitschaft, die eigene Position zu revidieren, dadurch etwas "weiterzubringen" und am Ende – gar gemeinsam – gescheiter geworden zu sein? Davon ist in der polemischen "Fernfuchtelei" – um’s frei nach Handke zu sagen –, die seit über einer Woche anhält, nicht viel zu merken. Es gilt recht zu behalten und den Gegner zu diskreditieren. Die vor den Nazis geflohene austro-amerikanische Psychologin Else Frenkel-Brunswik (1908 – 1958) hat den Begriff der "Ambiguitätstoleranz" geprägt. Damit ist die Fähigkeit des Individuums gemeint, widersprüchliche Eigenschaften an ein und demselben Objekt wahrzunehmen und das auch auszuhalten. Diese Kompetenz ist momentan weltweit nur äußerst schwach ausgebildet, quasi: kommunikative Klimakatastrophe.

Schnelldenker sind schnell damit zur Hand, Begriffe und Dinge zu verabschieden. "Heimat" und "Nation"? Obsolet, reaktionär, Schnee von gestern! Aleida Assmann sieht das anders. Die renommierte deutsche Kulturwissenschaftlerin war diese Woche in Wien zu Besuch, um einen Vortrag über "Die Wiedererfindung der Nation" zu halten, was der Historiker Thomas Walach und ich zum Anlass nahmen, sie zu einem Gespräch zu treffen, dessen Anbahnung zwar einige Wochen in Anspruch genommen hatte, das dann aber vollkommen problemlos und entspannt vonstatten ging: Äußerst charmant und höflich bat Assmann uns in ihr Hotelzimmer und beantwortete mit Verve und sichtlicher Freude an der Konversation die Fragen. Was Assmann über Ambiguitätstoleranz, die Vorteile und Schattenseiten des Vergessens oder den Zusammenhang von Politik und Affekten denkt, können Sie nächste Woche in aller Ausführlichkeit im Falter lesen.

Viel Vergnügen und einen schönen Tag wünscht

Ihr Klaus Nüchtern

Einen kurzen O-Ton von Aleida Assmann kann man ab 17 Uhr im aktuellen Podcast hören. Der ist der bereits im aktuellen Heft ausführlich abgehandelten Nobelpreisvergabe an Peter Handke gewidmet. Anna Goldenberg hat den Schriftsteller, Handke-Verehrer und Handke-Kritiker Marko Dinić und mich vors Mikrofon gebeten. Ob uns eine "Debatte" geglückt ist, müssen die Hörerinnen und Hörer entscheiden.

Theodor W. Adornos Band "Eingriffe", der 1963 zum ersten Mal erschienen ist, enthält auch einen Essay mit dem Titel "Meinung Wahn Gesellschaft". Darin finden sich auch die schönen Sätze: "Der Rechthaber entwickelt, um nur ja die narzißtische Schädigung von sich fern zu halten, die ihm durch Preisgabe der Meinung widerfährt, einen Scharfsinn, der oft weit seine intellektuellen Verhältnisse übersteigt. Die Klugheit, die in der Welt aufgewandt wird, um narzißtisch Unsinn zu verteidigen, reichte wahrscheinlich aus, das Verteidigte zu verändern."

Wer das Kunsthistorische Museum aufsucht, um sich an den frühbarocken Licht- und Schattenspielen Caravaggios zu berauschen, sollte es nicht verabsäumen, einen Abstecher in die Kunstkammer zu machen. Dort zeigt die kleine aber feine Kabinettsausstellung "Als Ich Can" Werke des spätmittelalterlichen flämischen Meisters Jan van Eyck (berühmt durch den Genter Altar) und seiner Zeitgenossen. Auch ideal für Jahreskartenbesitzerinnen, die gerade mal ein halbes Stündchen Tagesfreizeit zur Verfügung haben.

Es gibt Songs, die sind unkaputtbar. "At Last I am Free" der Band Chic von 1978 gehört dazu. Erstaunlich, von wem der alles gecovert wurde: von Robert Wyatt, Elizabeth Frazer (von den Cocteau Twins), von Heiner Goebbels und Alfred Harth und zuletzt vom Fire Orchestra! des schwedischen Saxofonisten Mats Gustafsson auf dem großartigen Album "Arrival".

Falter-Herausgeber Armin Thurnher ist Gast bei Meinrad Knapps ATV Aktuell Spezial: Der Talk um 23.45 Uhr auf ATV2.


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