Vergessen - FALTER.maily #59

Florian Klenk
Versendet am 06.11.2019

kurz vor seinem Tod im Jahr 2010 gab der (auch in Wien forschende) Historiker Tony Judt ein famoses Buch mit dem Titel "Das vergessene 20. Jahrhundert" heraus. Judt mahnte, dass die Katastrophen des 20. Jahrhunderts viel zu schnell vergessen worden sein. Die totalitären Staaten, ihre monströsen Verbrechen, allen voran der Holocaust, hätten Europas Verfassung und Verfasstheit zwar geprägt, aber den politischen Entscheidungsträgern sei das oft nicht mehr bewusst, zumal sie Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts ja selbst erst Teenager waren.

Sebastian Kurz war drei Jahre alt, als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel. Sein Vorvorvorvorvorvorvor-Gänger als ÖVP-Chef, Alois Mock, zerschnitt mit seinem Amtskollegen Gyula Horn schon zuvor den Eisernen Vorhang mit einem Bolzenschneider, allerdings auf einem gestellten Foto.

Fast hätte man es vergessen: noch vor 30 Jahren war Europa, war Deutschland, war Berlin von einem Todesstreifen getrennt, der halbe Kontinent polizeistaatlich und planwirtschaftlich verfasst, von freien Wahlen war keine Rede.

Wir haben das Jubiläum nun zum Anlass für einen wuchtigen Schwerpunkt genommen, den Stefanie Panzenböck koordinierte, was heißt koordinierte - sie dirigierte die Reporterinnen dieser Ausgabe, sie redigierte bis spät in die Nacht, sie bekam dafür, was selten vorkommt, heute in der Redaktionskonferenz sogar Applaus. 

Was also kriegen Sie zu lesen? Eva Konzett, die lange in Rumänien lebte, beschreibt, was aus den Träumen der demokratischen Revolution von unten wurde und bilanziert den Aufschwung, aber auch die Versäumnisse in den Staaten des ehemaligen Ostblocks. 

Nina Brnada reiste über Ungarn und Serbien bis nach Bulgarien, um das entvölkerte Europa zu besuchen, das radikaler wählt als der Westen und nichts dringender bräuchte als eine Sozialunion, denn ohne soziale Sicherheit ist auch der liberale Rechtsstaat in Gefahr. 

Birgit Wittstock besuchte eine Frau in Leipzig, die seinerzeit bei den Montagsdemonstrationen von Freiheit träumte und nun in ihren Erinnerungen kramt. Und unser freier Mitarbeiter Miguel de la Riva sprach mit dem Politologen Ivan Krastev über die Gefährdung des gesellschaftsliberalen Europa. Ich habe in der Vorwoche einen Leitartikel zum 89er-Jubiläum geschrieben und ein Loblied auf die langweiligen Institutionen des Westens gesungen.

"Die vergessene Mauer" heisst unser Schwerpunkt, eine Anspielung auf Tony Judts wunderbares Buch.

Florian Klenk

Vielleicht haben Sie es schon bemerkt? Wir haben den Falter-Buchclub gegründet, eine geschlossene Facebook-Gruppe, in der sich Falter-LeserInnen mit der Falter-Redaktion über die neuesten oder spannendsten Bücher unterhalten. Barbara Prem und Selina Koller sind aus dem Falter für das Projekt verantwortlich. Treten Sie bei. Es kostet nichts und freut ihren Buchhändler oder unseren Faltershop.at, wo Sie 1,5 Millionen Bücher, CDs und DVDs kaufen können. (Es muss ja nicht immer der steuervermeidende Online-Gigant sein, bei dem man bestellt. Bei uns kaufen Sie ruhig bei uns mit reinem Gewissen.)

Die junge österreichische Schriftstellerin Angela Lehner hat nach dem Franz-Tumler-Preis und dem Literaturpreis Alpha auch noch den österreichischen Buchpreis in der Kategorie Debüt gewonnen. Darüber hinaus gibt's in der aktuellen Ausgabe eine Reportage auf der Aufmacherseite des Feuilletons, außerdem hatten wir in der vergangenen Ausgabe ein großes Doppelinterview mit Lehner und ihrer Kollegin Raphaela Edelbauer (ebenfalls auf der Shortlist). Unser Literatur-Redakteur Klaus Nüchtern lässt Ihnen ausrichten: "Das hat sonst niemand, und das könnten wir doch den Leserinnen und Lesern noch mal aufs Auge drücken, indem wir da einen Link reinstellen." Das tun wir, viel Spaß!

Sie sehen, heute geht es bei uns ganz viel um Bücher. Dazu passt, dass heute die Buch Wien startet - die Eröffnungsrede hält Falter-Herausgeber Armin Thurnher. Wenn Sie nicht vor Ort dabei sind, können Sie seine Rede ab 18 Uhr bei uns auf falter.at im Livestream anschauen!


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