Die Verpunschhüttelung und Verscooterung Wiens - FALTER.maily #64

Klaus Nüchtern
Versendet am 12.11.2019

Es ist Dienstag, 4 Uhr 00 und das Falter-Team kann, wie Tausende andere in der Innenstadt, das Büro nicht verlassen. Wir sitzen hier, verfolgen die Nachrichtenlage, Polizisten sichern vor unserer Haustür die Straßen, Waffen im Anschlag. Nur wenige Schritte vor unserem Büro hat ein Terrorist gemordet, mutmaßlich ein Mitglied des IS, wie Terrorforscher Peter Neumann im Gespräch mit dem Falter anhand des Modus Operandi annimmt und der Innenminister zwei Stunden später bestätigt. Drei Tote, 15 Verletzte. Der erschossene Mörder liegt noch vor der Ruprechtskirche, eine Sprengstoffgürtel-Attrappe um den Bauch.

Foto: APA/Georg Hochmuth

Ja, wir haben Angst. Der Tod kam uns nahe. Dort, wo wir nach Redaktionsschluss oft gemeinsam zu Abend essen, im Restaurant "Salzamt" nahe dem jüdischen Tempel, liegt nun ein Opfer in seinem Blut. Ein von einem Passanten aufgenommenes Video davon erreicht uns kurz nach 20 Uhr. Auf einem zweiten Film sieht man einen Terroristen in Kampfmontur, in der einen Hand ein Langwaffe, irgendwo eine Pistole. Er erschießt einen zweiten Passanten, der vor einem Lokal gegenüber der Synagoge in der Seitenstettengasse steht. Der Mann fällt, hebt seine Hand. Dann feuert der Terrorist noch einmal auf den am Boden Liegenden. 

Als die Schüsse durch die Gasse schnalzen, gehen meine KollegInnen Eva Konzett und Lukas Matzinger gerade Zigaretten holen. Irgendein Idiot hat wohl Böller geschossen, dachte ich. Doch da rannten Konzett und Matzinger schon rauf in die Redaktion, klopften wie wild an die Hochsicherheitstür. Videos, die wir jetzt gerade auswerten, zeigen Menschen, die in diesem Moment wie Ameisen panisch über den Stephansplatz rennen.

Wir drehten das Licht im Büro ab, versteckten uns an einem sicheren Ort. Draußen wurde dann wieder geschossen. Manche von uns erstarrten, manche suchten nach Videos im Netz, manche riefen ihre Familien an. Kurz nach der Tat, um 20 Uhr 24, rief Innenminister Karl Nehammer persönlich an. Es sei etwas sehr, sehr Ernstes im Gange, man solle keine Videos von Einsatzkräften oder den Tätern posten, sondern via Social Media kommunizieren, dass alle zu Hause bleiben. Nehammer wirkte ehrlich besorgt, ruhig. Die Leute sollten weg von den Fenstern, weg von der Straße.

Während Nehammer aufklärte, spielten sich vor unserem Büro gespenstische Szenen ab. Da marschierte vor unserem Fenster ein alter Mann mit erhobenen Händen am Morzinplatz, die Polizei schrie ihn an. Am Graben knieten Jugendliche am Boden, die T-Shirts ausziehen mussten, die Reichen im Restaurant Meinl am Graben fotografierten die Szene.

Die Videos und Telegram-Accounts, die wir nun sichten, sind grausam. Wir zeigen sie nicht, aber wir beschreiben sie, die Wahrheit ist zumutbar. Es sind Bilder, wie wir sie bislang nur aus anderen Metropolen kannten. Wien blieb bis jetzt vom IS-Terror verschont, obwohl die Stadt eine kleine, aber sehr radikale Islamisten-Szene aufweist und viele internationale Organisationen beherbergt. Auch der erschossene Attentäter war als radikal bekannt, die Polizei durchsucht in diesen Stunden seine Wohnung in Wien.

Ob es Komplizen in Wien gibt, wissen wir noch nicht. Nur eines ist gesichert: Hier, vor unserer Haustüre, im sogenannten "Bermudadreieck", wo auch viele Jugendliche vom Land erstmals die Freiheiten einer Stadt spüren, hier beim jüdischen Tempel, da wollen uns Terroristen die Freiheit nehmen. Sie wählen einen symbolischen Ort im Herzen Wiens. Karl Nehammer findet dafür die richtigen Worte: wir lassen uns die Grundrechte und Freiheiten nicht nehmen.

Was Terrorforscher Neumann nun der Politik rät? Die Regierung müsse deeskalieren. Eskalation, Spaltung oder gar Muslimen-Bashing sei das Ziel der Terroristen. Und das Bundesamt für Verfassungsschutz müsse aufklären, wie es geschehen konnte, dass ein Mann mit so einer Waffe mordend durch die Innenstadt rennt. Es werden harte Wochen. Bleiben Sie gesund.

Klaus Nüchtern

Der Terror fordert unsere Demokratie heraus. Armin Thurnher über den brutalen Mord in Nizza und die Konsequenzen für den liberalen Rechtsstaat.

Wie soll man über Terror berichten? Welche Bilder sollen wir zeigen? Der Terrorforscher Peter Neumann über den richtigen Umgang mit den Verbrechen von Dschihadisten.

Wie radikalisieren sich Terroristen in Wien? Vor zwei Jahren besuchte ich den Prozess gegen den IS-Terroristen Lorenz K., der eine Bombe auf einem Weihnachtsmarkt zünden wollte. Die Reportage finden Sie hier.


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