Weihnachtskekse und Melange - FALTER.maily #71

Florian Klenk
Versendet am 20.11.2019

vergangenes Wochenende hatte ich ein bisschen Reporterglück. Ein Informant traf sich mit mir bei Weihnachtskeksen und Melange im Café eines Wiener Nobelhotels und drückte mir einen Packen Papier in die Hand. Es war die sogenannte „Ordnungsnummer 196“, ein in Journalistenkreisen heiß begehrtes Konvolut von SMS und iMessages, die sich Vizekanzler Heinz-Christian Strache, Finanzminister Hartwig Löger und die Bosse des Glücksspielkonzerns Novomatic schickten. „Decken Sie das auf“, sagte der Informant und wir verabschiedeten uns über getrennte Ausgänge des Hotels.

Aus den Nachrichten, aber auch aus beschlagnahmten Kalendereinträgen von Novomatic-Boss Johann Graf und den persönlichen Aufzeichnungen von Raiffeisen-Generalanwalt Walter Rothensteiner (er ist Aufsichtsratschef der Casinos AG) erzähle ich diese Woche eine große Geschichte über mutmaßliche Untreue, Bestechung und Amtsmissbrauch rund um die Vergabe von Posten in der Casinos Austria AG. 

Der Standard hatte diese Geschichte schon vergangene Woche in Grundzügen enthüllt, weil das Blatt den Hausdurchsuchungsbefehl in der Casino-Affäre als erstes Medium veröffentlichte. Die sichergestellten SMS und Chats aber ermöglichen es, die vom Standard angerissenen Vorgänge minutiös zu rekonstruieren und zu belegen. Die Staatsanwaltschaft nennt das, was hier sichtbar wird, Regierungskriminalität. Ein unabhängiges Gericht wird wohl zu urteilen haben, ob das auch stimmt. 

Wichtig zu betonen ist: Nicht nur Standard und Falter recherchieren in diesem Fall. Auch Die Presse, das Profil, Addendum und Ö1 sind investigativ unterwegs. Wir alle versuchen der Message Control und den Nebelgranaten der ehemaligen Regierung Facts und Recherchen entgegen zu setzen. 

Wir Medien stehen dabei aber auch in der Kritik. Die Salzburger Nachrichten, aber auch der Kurier unterstellen der Anklagebehörde Amtsmissbrauch und Geheimnisverrat - blieben aber den Wahrheitsbeweis schuldig.

Und ein ehemaliger FPÖ-Politiker und Richter, Wolfgang Rauter, zeigte mich sogar wegen Beitragstäterschaft an. Eine Nebelgranate. Ich werde und muss meine Quellen nicht nennen, der Oberste Gerichtshof schützt das Redaktionsgeheimnis sehr gut. Aber eines kann ich versichern: der Falter hält sich an das Gesetz. Wir stiften niemanden zu Straftaten an. Wir drehen nur das Licht auf, wo es andere gerne dunkel hätten. Ein Richter weiß natürlich auch, wie man legal an Akten kommt. Er lese das Gesetz.

Ihr Florian Klenk

Über einen Korruptionsprozess im Kulturbereich berichtet diese Woche auch Stefanie Panzenböck. Sie besuchte das Gerichtsverfahren, in dem sich die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters, Silvia Stantejsky, wegen Untreue, Veruntreuung und Bilanzfälschung verantworten muss. Der ehemalige Burg-Chef Matthias Hartmann wurde nicht angeklagt. Seine Co-Geschäftsführerin schon. Panzenböcks Reportage aus dem Straflandesgericht erklärt, warum. Da der Falter schon Montagabend Redaktionsschluss hat, finden Sie einen weiteren Bericht über den vierten und bisher wichtigsten Prozesstag online.

Der richtige Umgang mit problematischen Chats macht nicht nur den ehemaligen türkis-blauen Ministern zu schaffen, sondern vor allem auch Schülerinnen und Schülern. Barbara Tóth hat bei einem Experten nachgefragt, wie Schulen und Eltern auf das mitunter problematische Whats-App-Verhalten ihrer Kinder reagieren sollen. In der Politik deckt Tóth mehr als fragwürdige Missstände im Heeresgeschichtlichen Museum auf. Dann verkauft die Bank Austria noch ihre Kunst. Was sind Unternehmenssammlungen und was werfen sie ab? Diese Frage hat Matthias Dusini recherchiert. Eva Konzett beschreibt in ihrem Essay, wie Brüssel um die Seele des Internets kämpft. Anna Goldenberg schreibt über die Central European University, die dieser Tage ihren Betrieb aufnimmt. Und Elisa Tomaselli war für uns in Bad Ischl, Europas Kulturhauptstadt 2024.

Das Ausland ist auf unsere Recherchen auch aufmerksam geworden. Der Schweizer Rundfunk hat mich zur Casino-Affäre hier interviewt.

Eine Neuigkeit von der Falter-Kommandobrücke darf ich auch verkünden. Unsere bisherige Stadtleben-Chefin Barbara Tóth leitet ab heute das Ressort Medien. Birgit Wittstock ist ab sofort Chefin der Ressorts Stadt- und Landleben.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!