Endzeitstimmung - FALTER.maily #75

Lukas Matzinger
Versendet am 25.11.2019

am 12. August hoben Kriminalbeamte in der „Pension Enzian“ im Tiroler Defereggental einen Schatz: Hinter einer alarmgesicherten Tür standen zwei Tresore, darin drei versiegelte Metallkassetten, und darin: Goldbarren im Wert von wohl hunderttausenden Euro. Das Haus gehört dem Freiheitlichen Bildungsinstitut und war bei den Ermittlungen der Casino-Affäre durchsucht worden. Die FPÖ Wien hielt in Osttirol Gold versteckt.

Die amtswegige Ausgrabung zeigt dreierlei: 1. Österreichs Parteien fördern sich selbst viel zu großzügig, ihre Finanzen sind intransparent. 2. Den Blauen gefällt das Gold: Norbert Hofer trägt’s gerne, unter schwarz und rot, auf seiner Ausgehschärpe, für Johann Gudenus ist seit dem Ibiza-Video Schweigen Gold, der Seniorchef Heinz Christian Strache sorgt privat mit nichtkorrodierendem Edelmetall vor (und seien es Marlboro Gold). 3. belegt der FPÖ-Schatz: die Sehnsucht der Rechten nach dem Weltuntergang.

Rechte Parteien sind Manager der Angst, ihre Wähler sind pessimistisch und misstrauen Institutionen. Die Gewählten fantasieren von Verschwörungen gegen das Volk und warnen vor dessen Unterwanderung, dem Finanzkollaps oder Bürgerkriegen. Bisweilen scheint den Rechtspopulisten ihr Dauerdrohton zu Kopf zu steigen. Auf Ibiza prophezeite Heinz-Christian Strache, der Crash des Währungsmarkts käme "wie das Amen im Gebet".

Weshalb er sich einst für den Kauf des Osttiroler Bauernhaus aussprach. „Eine solche Pension könnte dem inneren Führungskreis im Fall einer Krise als Zufluchtsort dienen." Strache habe während der Wirtschaftskrise vor zehn Jahren „immer wieder vom Tag X gesprochen, wenn in Europa bürgerkriegsähnliche Unruhen ausbrechen könnten." Zur selben Zeit habe die Wiener FPÖ Gold gekauft, erzählt deren Chef Dominik Nepp, und aus Misstrauen vor dem Bankensystem selbst gelagert. Nur die vier Endzeitzeugen Strache, Gudenus, Nepp und ein Parteibuchhalter hatten Schlüssel für die Schatullen.

Vielleicht ist die Untergangsstimmung in einer Partei, die gerade öffentlich in Einzeldukaten zerfällt, nicht ganz unangebracht. Bei der steirischen Landtagswahl hat die FPÖ fast zehn Prozentpunkte verloren. Wenn Strache sich nun der Wiener FPÖ als Chef anbietet, kann das nur Galgenhumor sein. Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Lukas Matzinger

Der blaue Faible fürs Gold ist alt. Im Jahr 2012 hat der FPÖ-Nationalratsabgeordnete Gerhard Deimek mit Unterstützung des verschwörungstheoretisch veranlagten Steyrer FPÖ-Gemeinderats Kurt Lindlgruber die Petition "Rettet unser österreichisches Gold" veranlasst.

Tatsächlich für die kleinen Leute: Die steirische Ethno-Volksmusikband Broadlahn "spüt oas" für die vergessene "Wagner Leni" und "jede Magd und jeden Knecht". Sie haben "so anders gelebt als wir." Schön!

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