Lob der Begegnungszone - FALTER.maily #76

Klaus Nüchtern
Versendet am 26.11.2019

der urwienerischen Sozialtechnik des „Matschkerns“ durchaus nicht unkundig, habe ich im heurigen Sommer mich und Menschen, die halt gerade greifbar waren, wiederholt gefragt, ob „die“ denn alle deppert geworden seien, dass sie jetzt die halbe Stadt in eine Baustelle verwandeln und zwar mitten in der Urlaubssaison. Nun ist vor zwei Wochen, rechtzeitig vor der Adventsaison, die Baustelle Rotenturmstraße der Begegnungszone Rotenturmstraße gewichen, die mit zwei Trinkbrunnen, 16 Schnurbäumen, 31 Bänken und 52 Radbügeln bestückt wurde. 

Das ist voll toll, das Bemerkenswerteste aber ist das Prinzip Begegnungszone als solches, das zuvor schon auf der Mariahilfer Straße umgesetzt wurde und das deswegen interessant ist, weil es einen neuen Typus von Verkehrsteilnehmerin* erfordert und hervorbringt. Die Philosophin Isolde Charim, deren Kolumne Sie jede Woche im Falter lesen können, hat in ihrem Buch „Ich und die Anderen“ die Straßenverkehrsordnung und die Begegnungszone sehr schön als zwei unterschiedliche Gesellschaftskonzepte beschrieben. Die StVO repräsentiert eine Disziplinarmacht, deren Regeln alle unterworfen sind. Im Gegensatz dazu arbeitet die Begegnungszone mit Deregulierung: Es ist eben nicht immer und überall klar, wer wann was zu tun und zu lassen hat: „Die Unsicherheit des Einzelnen erzeugt eine sicherere Gesamtsituation“ (Charim). 

Überspitzt ausgedrückt könnte auch man sagen, dass die StVO verkniffene Law-and-Order-Typen produziert, die sturheil dieselben Regeln befolgen (ob deren Einhaltung nun gerade sinnvoll ist oder nicht), wohingegen die Begegnungszone „pluralisierte Subjekte“ (wie Charim sagen würde) zur Voraussetzung hat, die so alert, aufmerksam und souverän sind, dass sie keiner übergeordneten Autorität bedürfen und sich alles selbst untereinander ausmachen. 

Nun könnte man auch gleich noch über die identitätspolitische Umsetzung des Prinzips Begegnungszone nachdenken und sich etwa fragen, ob die seit geraumer Zeit grassierende Politik des Beschwerdeführens und öffentlichen Beschämens nicht eine hilflos-hysterische Reaktion auf den Umstand darstellt, dass sich die alte StVO auflöst, eine echte Begegnungszone aber noch nicht etabliert werden konnte. Aber das würde jetzt zu weit führen, das holen wir später einmal nach. 

Ich wünsche viel Vergnügen, wobei und womit auch immer,

Klaus Nüchtern

P.S.: *Männer sind natürlich immer mitgedacht!

Isolde Charims Buch „Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert“ ist im vergangenen Jahr bei Zsolnay erschienen. Sie können es wie immer im Falter-Shop bestellen. Matthias Dusini hat es seinerzeit besprochen und auch ein ausführliches Porträt der Autorin verfasst.

Wie Kollege Michael Pekler in seiner schönen Würdigung von Martin Scorseses „The Irishman“ ganz richtig vermutet hat, wird man nicht allzu lange Zeit haben, das dreieinhalbstündige Opus mit Stars wie Robert De Niro, Al Pacino oder Joe Pesci im Kino sehen zu können. Diese Woche gibt es im Gartenbau-Kino noch Gelegenheit dazu.

Am Ende noch ein Hinweis in eigener Sache. Wer sich für zeitgenössische Musik abseits des Mainstreams interessiert, den darf ich auf das von mir betriebene Label Handsemmel Records verweisen. Auf dem „kleinen, feinen Label für mundgeblasenen Jazz“ erscheint dieser Tage das Album „West of the Moon“. Aufgenommen wurde es im heurigen Juli, als das eigens für diesen Anlass zusammengestellte Quintett des Pianisten Georg Gräwe und des Trompeters und Flügelhornisten Franz Koglmann einen Auftritt beim Jazzfest Wien hatte.


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