Muttersprachenförderung ist Deutschförderung - FALTER.maily #85

Nina Brnada
Versendet am 06.12.2019

wir schreiben das Jahr 2019, mehr als die Hälfte der Wiener Schülerschaft hat als Erstsprache nicht Deutsch; in den Volksschulen sind es gar 60 Prozent. Laut einhelliger Meinung etlicher Bildungsexperten wäre es klug, diese Schülerinnen und Schüler in ihren jeweiligen Muttersprachen intensiv zu fördern. Nicht nur, weil das der Lebensrealität dieser Kinder gerecht würde; es wäre auch eine wirklich gute Antwort auf die habitualisierte Empörung über die schlechten Deutschkenntnisse vieler Migrantenkinder. (Die aktuellen Ergebnisse der Pisa-Studie bestätigen es: Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund schneiden deutlich schlechter ab, zum Beispiel beim Lesen.) Denn die Muttersprache ist essenziell für die Entwicklung der Sprachfähigkeit. Oder anders: Muttersprachenförderung ist Deutschförderung!

Dass diese Botschaft nicht durchkommt, ist einer tief sitzenden Skepsis gegenüber Mehrsprachigkeit geschuldet, die aus der nationalsprachlichen Prüderie des 19. Jahrhundert herrührt; nicht nur in Österreich. Kinder, die in französischen Schulen Bretonisch sprachen, wurden zuweilen Eselsohren aufgesetzt oder ihnen wurde in den Mund gespuckt.

Wir schreiben das Jahr 2019 und es gibt kleine Anzeichen, dass das Fundament dieser überholten Ideen auch in Wien zumindest in Nischen ins Rutschen kommt. Nächste Woche wird im Bezirk Währing eine deutsch-ungarische Volksschulklasse eröffnet werden. Zwar leben in Wien über 23.000 Ungarn, trotzdem wird es die erste Schulklasse dieser Art sein. Besser als nichts, möchte man da sagen. So wie bei Türkisch und Serbokroatisch, den Sprachen der größten Einwanderergruppen, weder in der einen, noch in der anderen Sprache gibt es auch nur eine einzige Klasse.

Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky(SPÖ) nennt im Falter-Interview als Grund dafür das fehlende Interesse. Es ist wohl auch seine Aufgabe, dieses Interesse zu wecken.

Ihre Nina Brnada


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