Moralische Hochämter - FALTER.maily #105

Matthias Dusini
Versendet am 07.01.2020

Er machte sich über die allzu jungen Freundinnen des Schauspielers Leonardo di Caprio lustig und erinnerte an den pädophilen Millionär Jeffrey Epstein, mit dem doch alle im Raum befreundet seien. Der Auftritt des britischen Komikers Ricky Gervais bei der Golden-Globe-Verleihung am vergangenen Wochenende enthielt alles, was die Kunst eines Hofnarren auszeichnet. Er verhöhnte die Mächtigen, etwa den Medienkonzern Apple, „der in chinesischen Sweatshops produzieren lässt“. Und warnte die Preisträger und Preisträgerinnen davor, sich mit Ansprachen über den Zustand des Planeten aufzuspielen. „Lassen Sie es einfach, denn von der Welt da draußen haben Sie keine Ahnung“, sagte Gervais. Man sagt, dass die Tragödie in der Sphäre der Idealismus angesiedelt sei, während die Komödie eher mit dem Materialismus zu tun habe.

Preisverleihungen in Hollywood geraten häufig zu moralischen Hochämtern, in denen Milliardäre die Probleme des Planeten auf ihre Schultern laden. Komödianten wie Gervais erinnern die Tragiker in der Abendrobe daran, dass das menschliche Leben vor allem mit Stoffwechselfunktionen zu tun hat. Er stieß die Kirchentür in Richtung Toilette auf. Die gequälten Gesichter mancher Anwesender zeigte den Erfolg seines rhetorischen Abführmittels. 

Viel Spaß im neuen Jahr wünscht Ihnen

Matthias Dusini

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Von zeitloser Schönheit ist Ricky Gervais‘ Fernsehserie „The Office“, der der Künstler 2001 bis 2003 für BBC Two produzierte: Ein Vulkan toxischer Männlichkeit in einer politisch sensiblen Büroumgebung. 

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