Brennstoff - FALTER.maily #111

Eva Maria Konzett
Versendet am 13.01.2020

die Börse ist nichts für Idealisten. Sie belohnt das rechnerische Kalkül, nicht den utopischen Verve. In monetären Einheiten wird hier die voraussichtliche Zukunft eingefangen. Steigt der Kurs, schaut es rosig aus, fällt er, eben nicht.

Das US-amerikanische Unternehmen Tesla, weltweites Synonym für das Elektroauto, hat vergangene Woche an der Technik-Börse Nasdaq für Aufsehen gesorgt: Die Tesla-Aktien erreichten am Mittwoch erstmals einen Börsenwert von 89 Milliarden Dollar. Nie war ein US-Autoproduzent wertvoller.

Tesla schlägt jetzt General Motors und Ford zusammen und damit die größten Marken, die der motorisierte Individualverkehr geschaffen hat. Als General Motors sein hundertmillionstes Fahrzeug feierte, war der Tesla-Gründer Elon Musk noch gar nicht geboren. Man schrieb den 21. April 1967. 

General Motors fertigt heute immer noch knapp drei Millionen Autos im Jahr. Tesla schafft weniger als 400.000.

Die Anleger an den Börsen kennen diese Zahlen. Doch niemand setzt mehr auf die Vergangenheit, wenn die Zukunft lockt. Die Automobilindustrie wird sich in den kommenden Jahren neu erfinden. Und sie wird es mit Strom tun. Daran glauben heute eben nicht mehr nur die Visionäre, sondern Excel-getriebene Anzugsträger mit Betriebswirtschaftsdiplomen an der Wand.

Es tut selbst die Konkurrenz: Die europäische Automobilindustrie habe sich klar positioniert. Es gehe in Richtung Elektromobilität, sagt der Chef des österreichischen Erdöl- und Erdgaskonzerns OMV, Rainer Seele gegenüber dem Falter im September. Im Bereich der Mobilität werden demnach emissionsarme Alternativen wie der Wasserstoff noch lange keine Rolle spielen. Seele raffiniert nicht nur Öl. Die OMV betreibt die einzigen fünf Wasserstofftankstellen des Landes.  

Der deutsche BMW-Konzern bastelt lieber an einem wasserstoffbetriebenen Flugtaxi als große Innovationsgelder in Wasserstoffautos zu investieren. VW forscht nur im Bereich des Stromantriebs. 200.000 Arbeitsplätze hängen durch die Zuflieferindustrie in Österreich am Auto, vor allem an jenem Made in Germany. Im deutschen Brandenburg wird Tesla in den kommenden Jahren vier Milliarden Euro in eine "Gigafactory" stecken. Es ist die erste auf europäischem Boden.

Im Regierungsprogramm von ÖVP und Grünen liest man indes vom E-Fahrzeug nur in Stichworten und abgesehen einer Handvoll Anreize (zb. bei Dienstwägen) nichts über dessen Weiterentwicklung. Vom einst türkis-blauen Ziel, bis 2025 flächendeckend Wasserstofftankstellen aufzustellen, sind die Türkisen vorerst abgegangen. Es fahren hierzulande nur 30 Fahrzeuge mit einem Wasserstoffantrieb. Österreich zur Wasserstoffnation Europas zu machen, das will Türkis-Grün hingegen dezidiert weiterhin.

Wer den Visinär schimpft, steht schnell als fantasielos dar.

Doch Sturheit allein macht noch kein morgen. 

Ich wünsche Ihnen eine fabelhaften Einstieg in die neue Woche,

Eva Maria Konzett

Was passiert, wenn Tesla kommt? In Brandenburg hat man die Standortentscheidung des E-Autobauers bejubelt. Längerfristig sollen hier 10.000 Arbeitsplätze entstehen. Schon werden auf dem Gelände Bäume gerodet. Und was sagen die Menschen? Die deutsche Zeit hat einen Spaziergang gemacht.

Der E-Automarkt wird entscheidend von China geprägt. Jedes zweite verkaufte Fahrzeug mit Elektro-Antrieb fährt auf chinesischen Straßen. Nun drängen auch chinesische Hersteller nach Europa. Und nach Österreich. Ab dieser Woche ist das SUV-Modell MG des Shanghaier Unternehmens SAIC hierzulande bei Toyota Frey bestellbar. Seit dem Frühjahr vertreibt das Raiffeisen Lagerhaus die Fabrikate von JAC, vor allen den "S2". 100 Stück dieser Linie sollen vergangenes Jahr schon verkauft worden sein, berichtet der Kurier.

Das Neujahrsbaby ist längst zuhause angekommen. Zahlreiche Babys werden ihm folgen. Bis 2027 soll Wien die Einwohnermarke von zwei Millionen Menschen geknackt haben. Wieder muss man sagen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts explodierte die Wiener Bevölkerung durch hohe Geburtenraten, starken Zuzug und Quantensprünge im Gesundheitswesen: Viele kamen nach, wenige starben weg. 1910 waren es dann mehr als zwei Millionen. Zum Vergleich: 1700 lebten nur 123.000 Einwohner auf dem Gebiet des heutigen Wiens.


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