Das Urteil - FALTER.maily #124

Stefanie Panzenböck
Versendet am 28.01.2020

gestern Abend gegen 21:45 Uhr verließ die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters, Silvia Stantejsky, das Wiener Landesgericht. Es ist ein mildes Urteil, das der Schöffensenat über die 64-Jährige gefällt hat: Zwei Jahre bedingt und eine Schadenswiedergutmachung von 319.000 Euro an die Burgtheater GmbH, die sich dem Verfahren als Privatbeteiligte angeschlossen hat. Der Senat sah Stantejskys Schuld in den Anklagepunkten Untreue und Veruntreuung als erwiesen an. Vom Vorwurf der Bilanzfälschung wurde sie freigesprochen.

Anfang des Jahres 2014 waren die ersten Hinweise auf den Burgtheater-Finanzskandal an die Öffentlichkeit gelangt. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG hatten Malversationen in der Buchführung festgestellt. Schnell standen drei Personen im Mittelpunkt: Der Chef der Bundestheater-Holding, Georg Springer, der künstlerische Direktor des Burgtheaters, Matthias Hartmann, und Stantejsky. Zwei gegensätzliche Sichtweisen entwickelten sich: In der einen lag der Fehler in der Struktur, in einer zu geringen Subventionierung durch die Eigentümerin, die Republik, in einer mangelhaften Kontrolle durch das Ministerium und einem großen Druck, der auf Stantejsky lastete. Sie hätte mit einem Direktor zu tun, der zu viele Stücke produzierte und sich mit Zahlen nicht auskannte, sowie mit einem Holding-Chef, der nur an einer Schwarzen Null am Ende des Jahres interessiert wäre, egal wie diese zu erreichen war. In der anderen Sichtweise wird Stantejsky als Urheberin eines Schattensystems beschrieben. Sie allein, die sich am Burgtheater auch noch bereichert hätte und in ihrer Eitelkeit bei allen gut dastehen wollte, sei für den Skandal verantwortlich. Dieser gipfelte in einem Bilanzverlust von 20 Millionen Euro, der in den letzten Jahren schrittweise abgetragen worden ist.

Das Gerichtsurteil benennt nun die strafrechtlich Schuldige, erspart ihr aber die Haft. Der Finanzskandal am Burgtheater kam damit zu einem vernünftigen Ende. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Ihre Stefanie Panzenböck

Seit September 2019 ist Martin Kušej Direktor des Burgtheaters. Eines seiner Anliegen ist die Vielsprachigkeit auf der Bühne. Gelungen ist das Experiment in dieser Spielzeit im Stück "Vögel" von Wajdi Mouawad (Regie: Itay Tiran). Die nächste Vorstellung findet heute um 19 Uhr im Akademietheater statt.

Hartmanns Nachfolgerin und Kušejs Vorgängerin, Karin Bergmann, war nicht nur die erste Direktorin in der Geschichte des Burgtheaters. Sie rettete das Haus, führte es in die Schuldenfreiheit und zu seinem guten Ruf zurück. Ihr ist es zu verdanken, dass die Kunst wieder im Mittelpunkt steht. Am Ende ihrer Amtszeit gab sie dem Falter dieses Interview.

Wenn Sie auf der Suche nach einer einzigartigen Biografie sind, dann lesen Sie jene über den sowjetischen Dichter Ossip Mandelstam von Ralph Dutli. Der Autor legt darin Zeugnis ab über ein unwahrscheinliches Werk und ein seltsam widerständiges Leben.


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