Mehr über die Lüge - FALTER.maily #129

Armin Thurnher
Versendet am 03.02.2020

es ist nicht so, dass ich hier allsonntäglich gegen die Lüge predigen will. Außerdem lesen Sie das Maily erst am Montag. Aber ich habe damit angefangen, nun bleibe ich dabei. Wir leben im Zeitalter der Lüge. Warum nicht zu Wochenbeginn über sie reden? Gelogen wird überall, auch Ihr Autor hat nicht immer die Wahrheit gesagt, manchmal aus Zartgefühl oder Höflichkeit. Von jener Wahrheitsunfreundlichkeit, die einfach schweigt, ganz zu schweigen.

Ja, wir werden nah und fern angeschmiert. Auch in Indien, wo ich mich gerade aufhalte. Wenn Gerichte immer mehr ins Zentrum von Politik rücken, ist das ein starkes Indiz, dass die Wahrheitsfindung in Politik und Gesellschaft nicht funktioniert. Hier dreht sich Politik immer mehr um den Supreme Court (den die Regierung – wie jede Regierung überall – durch Personalbesetzungen in den Griff zu bekommen versucht), der noch jene Legitimität hat, die der Politik abhandenkam.

Warum drehen wir beim durch Social Media verschärften allgemeinen Lügentsunami nicht durch? Weil wir ein Leben in absoluter Wahrheit als unerträglich empfänden. Sonst könnte man nicht erklären, dass wir uns lammfromm gefallen lassen, was man so euphorisch „Message Control“ nennt.

Lassen wir das. In der Ferne ertragen wir die Wahrheit leichter. Geschichte wird sowieso dort gemacht, nicht bei uns. Bei uns haben die Lügner wenigstens noch Manieren. Donald Trump nicht. Er ist der böse, aus dem Privat-TV zu Twitter entkommene Quotenclown. Die republikanischen Senatoren hält er mit Drohungen auf Linie. So wird das Impeachment-Verfahren mangels Zeugen keines, sondern bleibt eine Farce. Zugleich gibt der Trumpismus den neuen Weltstil vor: aggressiv lügen, Gegner und Verbündeten vor und hinter den Kulissen einschüchtern, dabei Grenzen dessen niederreißen, was man früher als einem Amt angemessene Würde oder als Anstand empfand. Es ist, als wäre Wolfgang Fellner österreichischer Bundeskanzler, Heinz-Christian Strache Wiener Gemeinderat oder Eva Dichand Kuratoriumsvorsitzende eines Bundesmuseums. Unvorstellbar!

Ein Mensch, der diesen Lügen- und Schmierstil nicht mitmachen möchte, ist der amerikanische Senator Bernie Sanders, ein sturer, bockiger alter Linker, der Sozialismus im Mund führt und Sozialdemokratie meint. Sanders möchte für die Demokraten als Präsident kandidieren und liegt bei den Vorwahlen in Umfragen in Iowa knapp und in New Hampshire komfortabel vorn (siehe Tipps). Heute, Montag, stimmt Iowa ab, nächste Woche New Hampshire. Gewinnt Sanders beide frühen Primaries, könnte er das bekommen, was man gern „Momentum“ nennt und auch in größeren Staaten siegen (Kalifornien wählt ihn sowieso). Nahezu alle Umfragen berichten, dass Sanders auch Trump schlagen würde, aber das gilt für fast alle demokratischen Kandidaten. Derzeit.

Das demokratische Establishment fürchtet Sanders wie der Teufel das Weihwasser. Vor vier Jahren scharte es sich hinter Hillary Clinton, diesmal hinter Joe Biden. Der Ex-Vizepräsident hat nur ein Problem. Wie die Harvard-Jus-Professorin Zephyr Teachout, eine Sanders-Anhängerin der ersten Stunde, in einem Kommentar festhielt, ist Biden ein schwacher Kandidat. „Corrupt politicians always use whataboutism. With Biden, we are basically handing Trump a whataboutism playbook.“ Donald Trump spürt mit dem Instinkt des Korrupten, wo andere ihre korrupten Punkte haben. Lügen greifen besonders gut, wenn sie ein Körnchen Wahrheit enthalten. Joe Biden, auf der Payroll der Kreditkartenindustrie und an der Karriere seines Sohns nicht ohne Mitwirkung, ist tatsächlich nicht astrein.

Sanders hingegen ist nicht korrupt. Er weigert sich nicht nur, zu lügen, er weigert sich sogar, negative Propaganda zu machen und seinen Konkurrenten zu attackieren (während ihn selbst – angefangen von Hillary: „Nobody likes him“ – das gesamte Demokraten-Establishment disst). Sanders ignoriert auch Zurufe von sympathisierenden Journalistinnen, doch endlich mit ähnlichen Untergriffen zu arbeiten wie seine parteiinternen Gegner und Biden anzugreifen. Wir werden sehen, ob dieser Wille zu einem anderen Stil belohnt wird.

Ihr Armin Thurnher

Um die US-Wahlen und das politische Gesehen wohlinformiert zu verfolgen, empfehlen sich drei Websites. Die konservative, den Republikanern zuneigende https://www.realclearpolitics.com/ und die liberale https://fivethirtyeight.com/ des Umfragewizards Nate Silver. Realclear bringt auch Kommentare von links und rechts; 538 kommentiert im Detail seine verwendeten Prognosen. Kommentare von weiter links findet man auf https://www.counterpunch.org/.

Wer sich für Einblicke in die Ayurveda-Kur des Verfassers sowie Splitter zu indischer, US-amerikanischer und österreichischer Politik interessiert, sei auf seinen Twitter-Account verwiesen: @arminthurnher

Im Falter schrieb A.T. vor vier Jahren das erste Porträt von Bernie Sanders, das in einer österreichischen Zeitung erschien. Bei Bernie hat sich nicht viel geändert, nur dass der Zulauf progressiver Abgeordneter wie Alexandra Ocasio-Cortez zu ihm anhält und er vier Jahr älter geworden ist.


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