Aufstehhilfen - FALTER.maily #134

Birgit Wittstock
Versendet am 08.02.2020

vergangene Woche lösten die neuen Wartebänke in der frischrenovierten U4-Station Pilgramgasse, die durch eine metallene Armstütze in der Mitte praktisch zweigeteilt sind, eine heftige Debatte aus: Geht die Stadt hier mittels ihres Tochtertunternehmens Wiener Linien gezielt gegen Obdachlose vor, in dem sie temporäre Rast- und Schlafgelegenheiten in unbequeme Einsitzer verwandelt?

Seit 2016 stellen sowohl die Wiener Linien als auch die Werbefirma Gewista, die für die Sitzgelegenheiten in Wartehäuschen zuständig ist, Bänke mit sogenannten Aufstehhilfen auf. Viele körperlich eingeschränkte Fahrgäste würden sich diese zusätzlichen Stützen wünschen um leichter aufstehen zu können, heißt es dazu vonseiten der Wiener Linien, weshalb man bei notwendigen Austauschen alte Bänke durch neue Modelle mit Aufstehhilfe ersetze. Würden aber nicht auch Armstützen an den Außenseiten der Bänke diese Funktion ausreichend erfüllen?

Freilich ist es nicht die Aufgabe der Wiener Linien Ruhemöglichkeiten für Obdachlose zur Verfügung zu stellen – es ist die der Stadt für genügend Notschlafstellen zu sorgen. Jedoch drückt die Stadtmöblierung eine Haltung aus: lädt sie in ein öffentliches Wohnzimmer ein, das allen gleichermaßen offen steht, oder will man es hier lediglich bestimmten Gruppen bequem machen?

Die Armlehnen symbolisieren die heterogene Gesellschaft, deren Ansprüche an den öffentlichen Raum vielfältig sind: Die einen brauchen sie zum Aufstehen, die anderen hindern sie am Hinlegen. Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Stadtbewohner auf einen Nenner zu bringen, ist ein Akt des ständigen Neuausverhandelns. Viele Städte haben längst das Handtuch geworfen und anstatt zwischen Mehrheitsgesellschaft und Randgruppen, zelebriertem Konsum und sichtbarer Armut und gefühlten und tatsächlichen Unsicherheitrichten auszutarieren, den einfachen Weg eingeschlagen – nämlich, es lediglich der Mehrheit bequem zu machen.

Im Gegensatz zu Innsbruck, das seit Herbst 2017 Bettlern und obdachlosen Menschen das Schlafen in der Innenstadt per Strafe verbietet, lautete in Wien die Losung bislang: Die Stadt ist für alle da – unabhängig vom sozialen Status. Hier ist man stolz auf mobile Jugendarbeit, auf nicht definierte Freiflächen und konsumfreie Zonen und auf Streetworker, die Obdachlosen Jetons zustecken, damit sie kostenlos öffentliche Toiletten benutzen können. Doch auch in Wien mehrten sich in den letzten Jahren Fälle, in denen als störend empfundenen Gruppen aus den gemütlichen Bereichen des öffentlichen Wohnzimmers verdrängt wurden. Etwa 2017, als die ÖBB vor dem Westbahnhof die Bänke entfernen ließ – seither kann dort halt nur noch sitzen, wer genug Geld hat, um im Schanigarten zu konsumieren. Oder der Pfarrer der Karlskirche, der im selben Jahr an einer Außennische mit Steinbank ein gusseisernes Gitter anbringen um "Partys von Drogensüchtigen" zu verhindern.

Dennoch: Wien ist nicht Hamburg, wo Zäune trockenen Raum unter Brücken blockieren, oder London wo Metallspitzen im Boden das Schlafen in Hauseingängen unmöglich machen sollen und Mistkübel so konstruiert werden, dass man nicht hineingreifen kann.

Damit Wien weiterhin für alle da ist und für Toleranz und sozialen Zusammenhalt steht, muss man von den Unternehmen dieser rot-grün regierten Stadt erwarten dürfen, auch an jene Gruppen zu denken, die nicht zu den zahlenden Kunden gehören.

Ein schönes Wochenende,

Birgit Wittstock

Im Sommer 2017 wurde am Yppenplatz der Stammtisch einer Gruppe Obdachloser abmontiert. Warum? Das können Sie in einer Reportage von Josef Redl und mir nachlesen.

Wie Ungarns Premier Viktor Orbán gegen Obdachlose vorgeht, sehen Sie in der Arte-Reportage "Wenn Armut bestraft wird".

Ein Best-Practise-Beispiel zum Thema Obdachlosigkeit stammt aus Finnland: Dort versteht ein Projekt wohnen als Menschenrecht. Wie dieses Verständnis Leben retten kann, sehen Sie hier.

Heute hören Sie im Falter Radio Saša Stanišić über Bosnien, Deutschland und Peter Handke. Die Kritik des gebürtigen Bosniens am Nobelpreisträger Peter Handke löste eine weltweite Debatte aus. In Wien stellte sich Stanišić den Fragen von Daniela Strigl, es ist die Aufzeichnung einer Veranstaltung der Österreichischen Gesellschaft für Literatur vom 23. Jänner 2020.

Und am Sonntag hören Sie im Falter Radio eine Sonderfolge mit Florian Klenk, der mit seinem Leitartikel im letzten Falter das Verhältnis von Bundeskanzler Sebastian Kurz und seiner Partei mit der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft thematisiert hat. Es geht um die aktuelle Debatte und was das nun bedeutet.


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