Let’s grunz together! - FALTER.maily #142

Armin Thurnher
Versendet am 17.02.2020

es hätte lustig werden können. Ein paar Leute, die der Bundeskanzler zweifellos als „hochrangige Journalisten“ bezeichnen würde, rotteten sich auf ORF III zu einer Runde der Chefredakteurinnen zusammen und sinnierten gemeinsam über die Institution des Hintergrunzgesprächs. Der Charme dieser Institutition besteht darin, dass dort nach Belieben gegrunzt werden kann, ohne dass ein einziger Grunzer der Öffentlichkeit überliefert werden darf. Das ist total in Ordnung, denn zu deutsch heißt das nichts anderes, als dass auch öffentliche Personen das Recht haben, Privatheit für sich zu reklamieren. Niemand zog dieses Menschenrecht aufs Hintergrunzen in Zweifel, und doch grunzten die besorgten Damen und Herren Chefredakteure im Fernsehen vor sich hin, als wäre genau das geschehen.

Was wirklich geschehen war: Ein Ausritt des Bundeskanzlers gegen die Justiz empörte Mit-Hintergrunzer. Sie brachen das Agreement und grunzten in den Vordergrund hinein, sprich, sie informierten Florian Klenk. Der Rest ist bekannt. Statt die Frage so zu behandeln, wie es sich gehört hätte, nämlich als medienethische, spielten die Vordergrunzer im TV jedoch eine andere Karte aus: Indem das Hintergrunz-Agreement gebrochen worden sei, habe man (Klenk, der Falter) in der schlechten Tradition von Trump, Breitbart, 4chan & Co. so etwas wie die Existenz böser „Mainstream-Medien“ in den Raum gestellt, weil deren Mitarbeiterinnen beim Hintergrunzen mitgrunzten.

Das medienethische Argument würde auf Gehorsamsnotstand abzielen. Ist ein Soldat verpflichtet, einen Befehl auszuführen, der seinem Gewissen widerspricht? Ist ein Journalist verpflichtet, sich an das Hintergrunzversprechen zu halten, wenn er das Empfinden hat, er würde damit einen illegitimen Angriff auf den Rechtsstaat decken? Dass es sich um einen solchen handelte, wurde aus der Aussage eines der besorgten Chefredakteure im ORF deutlich, der mitteilte, auch in einer zweiten Runde habe der Bundeskanzler gezielt die gleiche Attacke gesetzt; es war also mitnichten eine Sebastian Kurz zufällig beim Hintergrunzen herausgerutschte Aussage, die hier widerrechtlich aufgeblasen wurde.

Das Thematisieren der Mainstream-Medien-Frage wiederum (übrigens ohne jeden Anlass in der Berichterstattung des Falter) muss man als Versuch der Vordergrunzer qualifizieren, mithilfe der Verteidigung des Hintergrunzens ihre Medien als Ganze gegen Kritik zu immunisieren. In der Tat ist die Tendenz verderblich, um Seriosität bemühte Medien pauschal anzugreifen. Trump, Johnson und andere tun das. Die neurechte Digital-Agenda besteht kurz gesagt in der Diskreditierung des redaktionellen Journalismus und seiner Verfahren, nämlich der redaktions-kollektiven Überprüfung von Fakten, um sich berichtend bestmöglich der Wahrheit anzunähern.

Umgekehrt erfordert es gerade dieser redaktionelle Journalismus, die mediale Sphäre insgesamt kritisch zu betrachten. Insgesamt heißt auch selbstkritisch. Nichts wäre gefährlicher, als eine blinde Mediensolidarität einzufordern, nur „weil wir Medien sind“. „Wir Medien“ müssen schon unter Beweis stellen, wes Geistes Kind wir sind und wie wir verfahren. Dafür haben wir Medien zu viel Macht. Dafür ist Macht heute zu sehr Medienmacht. Das Positive: diese Machtfrage wird mit politischen und wirtschaftlichen Mitteln und vorläufig nicht mit Waffengewalt entschieden. Kritik und Diskurs mögen sich schwertun, aber auch sie mischen sich ein und sind nicht so leicht auszurotten.

Mit dieser frommen Hoffnung wünsche ich Ihnen eine argumentreiche Woche. Grunzen Sie mit!

Armin Thurnher

Machen Sie sich selbst ein Bild und schauen sie die Runde der Chefredakteurinnen an: https://tvthek.orf.at/profile/Runde-der-ChefredakteurInnen/13886457/Runde-der-ChefredakteurInnen/14041454 - noch bis Mittwoch in der TV-Thek.

Machen Sie sich selbst ein Bild und schauen Sie an, wie ein deutscher Kurz-Verliebter, der Ex-Chefredakteur der Bild am Sonntag, auf drei österreichische Kurz-Kritiker trifft, unter Ihnen Armin Thurnher: https://www.servustv.com/videos/aa-221haabks1w12/

Falls Sie wider erwarten das lichtvolle Interview von Moderator Michael Fleischhacker mit dem Bundeskanzler überspringen wollen, steigen Sie ab Minute 31:35 ein. Thurnher hat auf seinem Twitter-Account übrigens eine Message Control Control Commission eingerichtet: @arminthurnher.

Wir müssen über Neoliberalismus reden. Und darüber, wie ein Leben ohne Furcht vor sozialem Absturz gedacht werden kann. Die Philosophin Isolde Charim spricht mit Starautor Jan-Werner Müller darüber und über Müllers neues Buch „Furcht und Freiheit“. Falter Radio dokumentiert eine Veranstaltung im Kasino des Burgtheaters. Hier anhören: https://www.falter.at/falter/radio

In seinem neuen Buch führt Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (vor zwei Jahren habe ich mit ihm gesprochen: https://www.falter.at/zeitung/20180508/wie-entkommen-wir-der-medialen-gereiztheit) einen Dialog mit dem Psychologen Friedemann Schulz von Thun über das Miteinander-Reden. Es ist ein Dialog über den Dialog in Gesellschaft und Politik. Funktioniert der nicht, bricht alles zusammen; hier erhalten wir wichtige Auskünfte über eine „mögliche Ethik des Miteinander-Redens“. Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens, Hanser, 222 S., € 20,60

Ab morgen neu, auch im Faltershop.


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