Fürsorge - FALTER.maily #147

Stefanie Panzenböck
Versendet am 22.02.2020

Demütigungen, Magersucht, Bodyshaming, Kindeswohlgefährdung – woran erinnern Sie diese Begriffe? Eventuell an die Missstände in der Ballettakademie der Wiener Staatsoper, die der Falter im April 2019 aufgedeckt hat. Nun untersucht eine Kommission die Staatliche Ballettschule in Berlin. Auch dort sollen Elevinnen und Eleven unter derart problematischen Bedingungen ihre Ausbildung absolviert haben. Am Dienstag wurden der Schulleiter, Ralf Stabel, und der künstlerische Leiter, Gregor Seyffert, vom Dienst suspendiert.

Recherchen von Rbb24 ergaben, dass Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler seit Jahren auf die unhaltbaren Zustände in der Ballettschule hinweisen. Die Vorwürfe wurden von den politisch und pädagogisch Verantwortlichen übergangen. Und es hört nicht auf. Christian Blume, Vertreter der Senatsverwaltung für Bildung, bedauerte bei einer Vollversammlung der Ballettschule die Dienstfreistellung der beiden Leiter. Doch damit könne er sie "aus der Schusslinie" nehmen. Das entspräche seiner "Fürsorgepflicht" als Vorgesetzter.

Wir alle tragen Sorge. Für unsere Familie, unsere Freunde, unsere Kolleginnen und Kollegen. Wir wollen, dass es ihnen wohl ergeht. Die Art der Fürsorge hängt davon ab, wie verletzlich jemand ist, wie viel Schutz er oder sie braucht, um ein gutes Leben führen zu können. Für Kinder haben wir deshalb eine Fürsorgepflicht. Vernachlässigen wir diese, drohen uns Sanktionen.

Dass Blume den Begriff Fürsorgepflicht missdeutet, steht außer Zweifel. Während Kinder hart dafür arbeiten, sich den Traum vom Tanzen zu erfüllen, ergehen sich jene Menschen, die sich um ihr Wohlergehen sorgen sollen, in politischer Feigheit.

In Wien mussten die Verantwortlichen ihre Posten verlassen. Unabhängige Expertinnen und Experten erarbeiten ein neues Konzept für die Ballettakademie. Das wird auch in Berlin notwendig sein.

Haben Sie ein gutes Wochenende!

Stefanie Panzenböck

Kindeswohlgefährdung: Der Untersuchungsbericht der Sonderkommission über die Zustände in der Ballettakademie der Wiener Staatsoper war vernichtend. Die Analyse von Florian Klenk lesen Sie hier.

Im Falter Salon bei Anna Goldenberg geht es um den 25. Geburtstag der Wiener Boulevardzeitung Augustin. Hören können Sie die Reportage ab heute auf falter.at/radio und in Ihrer Podcast-App.

Und ab Sonntag haben wir für Sie einen Sonderpodcast im Falter Radio aus Anlass des rassistischen Massakers von Hanau: "Der Weg des rechten Terrors" mit Andreas Peham, dem Rechtsextremismusexperten des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands. Wie immer auf falter.at/radio.

Heute beginnt in Wien das mittlerweile legendäre Akkordeonfestival, das einen Monat lang dauert. Gründer des Festivals ist der Kulturveranstalter Friedl Preisl, der Wien zur Weltmusikstadt erklärt hat.

Jerusalem ist die Stadt, in der alle Geschichten zusammenfließen. Drei davon erzähle ich in meiner Geschichte im aktuellen Falter: über die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die christliche Grabeskirche und den Kunstraum Art Cube. Sie können den Text hier nachlesen. Und dann habe ich den Historiker Robbi Waks zum Interview getroffen. Er wurde 1947 in Deutschland in einem Displaced-Persons-Camp geboren. Heute lebt er in Israel. Wir haben über den Frieden, den Krieg und den Staat gesprochen - das können Sie hier nachlesen.

Über den Besuch in Yad Vashem habe ich in unserer Video-Reihe "Der Falter in einer Minute" gesprochen, das können Sie hier nachsehen. Und früher in der Woche war dort Eva Konzett zu sehen, die dort über die Zukunft der Mobilität gesprochen hat.


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