Kleine Schwester - FALTER.maily #159

Eva Maria Konzett
Versendet am 07.03.2020

Erster Mai, Rotfront und Fahnen hoch: Wenn im Boden ersten Maiglöckchen sprießen und am Revers die Nelken, dann feiert die SPÖ den Höhepunkt im sozialdemokratischen Jahreskreis. Nicht nur vor dem österreichischen Parlament drücken sich an diesem Tag die Genossen Schulter an Schulter. Die Befreiung des Arbeiters am ersten Maientage zelebriert die halbe Welt.

Ebenso international, ebenso symbolisch aufgeladen, allerdings mit weniger Pomp und deutlich mehr Programmatik kommt der 8. März daher. Es ist die kleine Schwester des Ersten Mai. Morgen, Sonntag, begehen wir den Weltfrauentag. 

Während man nachvollziehbar argumentieren kann, dass die Befreiung des Arbeiters zumindest in Europa weit fortgeschritten ist, muss man punkto Gleichberechtigung der Frau zugeben, dass es sich anders verhält. Wer daran Schuld trägt? Die einen verweisen mit dogmatischem Gestus auf das Patriarchat. Andere schimpfen auf das Parlament. Die letzten bemühen etwas hölzern die Natur des Menschen, als wäre ausgerechnet die Evolution etwas Statisches.

Wir mögen uns auf den Ursprung nicht einigen können, wir müssen trotzdem über die Auswirkungen sprechen: den Gender Pay Gap, das Armutsrisiko von Frauen oder über die Normierung der Welt anhand des Mannes, die sich in der digitalisierten Welt fortschreibt.

Im besten Falle tun wir es nicht nur am 8. März.

Ihr Männer stehet uns zur Seite

Heraus, wer noch gerecht sich nennt

Wir helfen euch in eurem Streite

Wenn er auch noch so heiß entbrennt

Nun müsst ihr eure Hilf uns leihen

Soll uns der Preis gewonnen sein.

Diese Zeilen der Sozialdemokratin Theresia Schlesinger wurden als "Frauenwahlrechtslied" bekannt. Inbrünstig sangen die Frauen diese während des ersten in Österreich gefeierten Frauentags am 19.3.1911.

Knapp 110 Jahre später stehen vielerorts Männer und Frauen auf derselben Seite. Das gilt aber nicht zwingend für die SPÖ. Gerade hat die Mitgliederbefragung gestartet, von der sich Parteichefin Pamela Rendi-Wagner jenen Rückenwind und Stärkung durch die Basis erhofft, die ihr die oberste Funktionärsriege verweigert. In der Bundeszentrale in der Löwelstraße sollen schon Wetten laufen, dass Rendi-Wagner beim Hochamt am Ersten Mai 2020 nicht mehr die Festrede halten wird.

Es hat 131 Jahre gebraucht, eine Frau an die Spitze der SPÖ zu bekommen. Es hätte in diesem Fall weniger als 18 Monate gebraucht, um sie abzumontieren. 

Ich wünsche Ihnen ein fabelhaftes Wochenende,

Eva Maria Konzett

135.000 Mütter erziehen in Österreich ihre Kinder alleine. Das sind mehr als 15 Prozent aller Familien. Jede fünfte alleinerziehende Mutter erhält keine Unterhaltungszahlungen. Weder vom Kindesvater. Noch vom Staat. Wie das sein kann, hat Gerlinde Pölsler aufgeschrieben.

Mit der 96-Jährigen Autorin Ilse Helbich hat Petra Hartlieb in der neuen Buchpodcast-Folge unter anderem darüber gesprochen, wie Helbich den Lektor mit der Wahrscheinlichkeit ihres Todes unter Druck setzte, damit er ihr Manuskript schneller lese. Helbich war bei der Erscheinung ihres ersten Romans weit über 80 Jahre alt.

Selten hat jemand das einstige SPÖ-Aufstiegsversprechen so rührend vertont wie die Sängerin Sigrid Horn. In ihrem Lied "Radl" hat sie nicht nur ihren Großeltern ein kleines Denkmal gesetzt, sondern erzählt mehrere Jahrzehnte österreichische Republik gleich mit. Eine Porträt der Mostviertler Dialektchansonssängerin finden sie im kommenden Falter.

Sprechen wir über die Trümmerfrauen, ewig aufgeladener Topos der österreichischen und deutschen Nachkriegsgeschichte: Die FPÖ hat ihnen 2018 auf einem versteckten Grünstreifen vor der Wiener Mölker Bastei ein Denkmal errichten lassen, unter Schwarzblau 1 schon hatte man ihnen eine einmalige Sonderzahlung zugedacht. Die Trümmerfrauen, selbstlos, eifrig und nach vorne schauend den Bombenschutt aus den deutschen und österreichische Städten weggetragen sind aber vor allem eines: Ein Mythos. Auf dieser Folie sollte nach den Nazigrauen ein Neubeginn gelingen. Der tatsächliche Beitrag der Frauenkolonnen bei den Aufräumungsarbeiten war deutlich geringer, wie die deutsche Historikerin Leonie Treber festgehalten hat.

Wie es zum Trümmerfrauendenkmal in Wien gekommen ist, haben die Kollegen vom Standard 2018 aufgeschrieben. Die Skulptur, die eine Trümmerfrau darstellen soll, war ursprünglich als "Badende" an einem ganz anderen Ort geplant.


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