Ratschlaghamstern - FALTER.maily #166

Armin Thurnher
Versendet am 16.03.2020

Corona-Gebeutelte!

Es mangelt nicht an Ratschlägen in diesen Tagen. Großes Ratschlaghamstern! Also nehmen Sie ruhig noch fünf Ratschläge von mir und legen Sie sie auf Halde, gleich neben den Klopapierrollen. 

1. Halten Sie inne. Wie immer in Krisenzeiten erleben wir alles zugespitzt, Ängste zur Hysterie; Dummheit zur Arroganz; Fürsorge zur Bevormundung; Egoismus zur dummen Gier. Medien, die manche für allumfassend hielten, umfassen offenbar nicht mehr die Mehrheit der Gesellschaft, sodass Zwangsmaßnahmen nötig werden, weil bloße Appelle an die Vernunft nicht reichen. Es ist trotzdem entscheidend, die vernünftige Kommunikation miteinander nicht zusammenbrechen zu lassen. Wenn Sie also etwas lesen oder hören, versuchen Sie die Seriosität der Quelle einzuschätzen. Zum Beispiel braucht es keine Rechtsextremismus-Experten, um eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu verstehen, und keine Tenöre, um Virologie erklärt zu bekommen. Statistiker und Mediziner reichen. Wenn Sie selbst in solchen Zusammenhängen Beobachtungen machen oder zu Erkenntnissen kommen, denken Sie kurz nach, ob diese publizierenswert sind und ob nicht ein Verweis auf Bestehendes reicht.

2. Bleiben Sie witzig. Panik ist immer ein schlechter Ratgeber. Ich neige stets dem schlechten Witz zu, da Witz, auch der schlechteste, immer eine gewisse Entspannung bringt, weil er ein anderes Licht auf eine Situation wirft. Entspannung wiederum kann Ihre Widerstandskräfte stärken.

3. Denken Sie an den richtigen Zeitpunkt. Ein Witz, eine Befürchtung, ein berechtigter skeptischer Einwurf zu falschen Zeit kann provozieren und das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken. Andererseits wäre es Schwachsinn, gerade in einer Ausnahmesituation auf die Grundlagen der Zivilisation zu verzichten. Skepsis gehört dazu.

4. Denken Sie an danach. A propos Grundlagen der Zivilisation: Es herrscht Ausnahmezustand. Demokraten gebieten über ihn lustlos, bestrebt, ihn schleunigst zu beenden. Lassen wir den Ausnahmezustand nicht über uns gebieten und unsere Verantwortung außer Kraft setzen, nur weil wir uns vor dem Virus fürchten. Den Flüchtlingen in Krankheit und Dreck auf den griechischen Inseln, in türkischen, syrischen und anderen Lagern geht es schlechter als uns. Ausnahmezustand heißt nicht, wir seien von unserem Menschsein dispensiert und von unserer Hilfspflicht ausgenommen! Jetzt verhängen Gebiete den Notstand, die unsere Hilfe dringender brauchen werden als wir, von Indien bis Ägypten und Iran. Die Corona-Krise geht vorüber, die meisten werden überleben, an unseren Fragen ändert sich nichts: Klima, Flucht, Gerechtigkeit. Falls sich wer an das süße Gift eines sich einschleichenden gemütlichen Autoritarismus gewöhnen möchte, nur weil er meint, das Krisenhemd sei ihm näher als der Freiheitsrock, der sei gewarnt. Zurück geht es immer schwerer!

5. Denken Sie an andere. Das sollte sich wohl von selbst verstehen.

Stay cool, wash hands! (Wash Hands am besten nach „clap hands“ https://www.youtube.com/watch?v=krjxyEme5vM von Tom Waits)

Ihr Armin Thurnher

Hiesig und zuverlässig https://orf.at/corona/

Vielleicht die beste virologische Info: Christian Drosten von der Berliner Charité im NDR Blog https://www.ndr.de/nachrichten/info/Coronavirus-Virologe-Drosten-im-NDR-Info-Podcast,podcastcoronavirus100.html

Ja, man kann Witze über Corona machen, ohne unseriös zu sein: John Oliver (vietnamesischer Handwasch-Hit inklusive) https://www.youtube.com/watch?v=c09m5f7Gnic

Wieder ernst: Stephan Schulmeister über das Ausmaß des Wirtschaftscrashs im podcast im Gespräch mit Raimund Löw https://www.falter.at/falter/radio?ref=social


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