Home Office - FALTER.maily #168

Florian Klenk
Versendet am 18.03.2020

das Maily wird diesmal etwas länger, aber Sie haben ja eh “Home Office”.

Krisenzeiten sind Herausforderungen. Nicht nur, aber auch für den Journalismus - gerade wenn unsere Grundrechte zum Wohle Schwächerer eingeschränkt werden. Und das werden sie gerade. Daran besteht kein Zweifel.

Die Erwerbsfreiheit, die Reisefreiheit und das Recht auf Privatleben werden gerade massiv beschränkt. Österreichs Straßen sind leer, Geschäfte geschlossen, das gesellschaftliche und kulturelle Leben abgewürgt. Pflegerinnen aus Osteuropa können nicht zu unseren Alten. Eltern, die in verschiedenen EU-Ländern arbeiten, können ihre Kleinen nicht sehen. Die medizinische Versorgung ist beschränkt. Das trifft, wie mir Patientinnen und Patienten schreiben, auch HIV-infizierte Menschen, Schwangere und Kinder.

Langsam wird Unternehmern, Freischaffenden und der Kunstbranche klar, was diese Corona-Verordnung auch bedeutet: möglicherweise den finanziellen Ruin in Zeiten einer heran rollenden wirtschaftlichen Depression. Ob der volkswirtschaftlich unerfahrene Finanzminister Gernot Blümel, der sich jetzt auch noch einen Wiener Gemeinderatswahlkampf auferlegt, dieser Doppelbelastung stand hält, wird sich zeigen.

Wir nehmen all das erstaunlich stoisch auf, weil es hehren Zwecken dient: der Vermeidung von Corona-Toten und der Überforderung des Gesundheitssystems. Die überwiegende Mehrheit der Mediziner, Pandemie-Experten und Politikern sieht das so. Die Wiener Stadtverwaltung hätte die Ausgangsbeschränkungen zwar nicht verhängt, wie Falter-Recherchen zeigen, sie trägt sie nun aber zähneknirschend mit. Denn auf der Kapitänsbrücke wird bei stürmischer See nicht öffentlich gestritten. Nach Ostern, so die Einschätzung der Stadtverwaltung, werden die Feld-Lazarette im Messe-Quartier voll sein. Es ist zu hoffen, dass die Patienten dort gut betreut sind. Aber was wird mit der Stadt?

Einzelne kritische Stimmen, etwa jene des Virologen Hendrik Streeck, werden schon lauter und die Regierung sollte genau hinhören. Streeck weist in der Frankfurter Allgemeinen auf zwei Dinge hin: erstens, dass die Definition dessen, was ein „Corona-Toter“ ist, völlig unklar ist. Ein Toter mit Corona-Viren, der vielleicht an etwas ganz anderem gestorben ist? Oder ein Mensch, der nur aufgrund von Corona verstarb? Und noch etwa spricht Streeck aus: „Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr.“

Ob die Corona-Verordnung verhältnismäßig ist, können wir heute noch nicht abschätzen. Deshalb müssen wir Journalisten harte Fragen stellen, so wie Strafverteidiger in einem Gerichtssaal. Unentwegt und lästig. Nicht die Verbreitung von Propaganda und bräsiger Schulterschluss mit der Regierung ist unser Job, sondern die Recherche von „the best obtainable version of the truth“, wie es Watergate-Aufdecker Carl Bernstein nennt. Der ORF, namentlich Armin Wolf, kommt diesem Ideal nahe, wenn man etwa sein atemberaubendes Interview mit dem Tiroler Sanitätslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) ansieht.

Auch wir haben in diesem Falter versucht, Ihnen einen Überblick zu verschaffen. Wir haben in einem Longread nicht nur rekonstruiert, wie das Krisenmanagement in Ischgl komplett versagt hat - und zwar nicht nur vor Verhängung der Quarantäne, sondern auch in den Stunden danach, die die türkis-grüne Bundesregierung mitverantwortet. Wir haben auch mit Politologen, Wirtschaftsexperen, Stadtpolitikern, Börsenanalytikern und mit der klügsten Rechtsphilosophin des Landes gesprochen. Wir interviewten den Gesundheitsminister, sprachen mit Historikern, die über Seuchen forschten und mit Fake-News-Erkennungsexperten. Und weil der Spaß nicht fehlen darf, haben wir ihnen Spiele, Lektüre und Filme empfohlen und sogar ein Brettspiel entworfen. Sie können es hier downloaden.

Weil wir zwar von Ihnen, liebe Leserschaft leben, aber unser Wissen in Krisenzeiten nicht hinter einer Bezahlschranke verbergen wollen, schalten wir ausnahmsweise alle Corona-Artikel frei. Wir hoffen, dass Sie unsere Geste mit einem Falter-Abo belohnen (es gilt freilich auch digital). Wir werden in den kommenden Krisenzeiten einen stabilen Abonnentenstock brauchen und unabhängigen, hartnäckigen Journalismus.

Florian Klenk

Wer am Wochenende aufmerksam durch die Stadt spazierte, der spürte die Furcht der Wiener Unternehmerinnen und Unternehmer und ihrer Angestellten. Wenn die Shops geschlossen sind, dann machen sie keine Umsätze, aber die Fixkosten laufen dennoch an. Der Falter hat sich deshalb eine besondere Aktion einfallen lassen. Wir haben am Sonntag auf Facebook und Twitter dazu aufgerufen, uns alle Online-Shops in Österreich zu schicken. Wir haben über 3000 Adressen erhalten, die wir Ihnen hier in einer feinen Fibel zusammengestellt haben - falter.at/onlineshop-fibel. Kaufen Sie in Zeiten wie diesen nicht bei steuerschonenden Giganten wie Amazon und Co., sondern bei Ihren kleinen Nahversorgern, die auch jetzt Bestellungen entgegennehmen. Vielleicht braucht das ein paar Klicks mehr, aber diese Unternehmen brauchen jetzt jeden Cent. In einem Facebook-Posting habe ich übrigens Österreichs UnternehmerInnen dazu aufgerufen, ihre Lage in Zeiten von Geschäftsschließungen zu schildern. Lesen Sie nach. Es ist eine Katastrophe.

Ganz besonders stolz ist der Falter-Verlag übrigens auf die MitarbeiterInnen der Falter:Woche, unserem wöchentlichen Veranstaltungsprogramm. Sie haben die letzten Tage versucht, ein halbwegs aktuelles Veranstaltungsprogramm zusammen zu stellen, ehe dann die totale Sperre verhängt wurde. Wir haben alle abgesagten Termine der Stadt dennoch abgedruckt - schauen Sie sich das an, das ist ein historisches Werk.

Nicht nur im Falter, auch im Falter Radio widmen wir uns dem Virus. Raimund Löw interviewt Forscher, Experten und Journalisten zum Thema. Eine Übersicht der Beiträge finden sie hier.


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