Die göttliche Komödie - FALTER.maily #171

Eva Maria Konzett
Versendet am 21.03.2020

die Regierung ist sich nicht ganz sicher, ob sie in Zeiten der Corona-Krise Arbeitnehmer zur Arbeit vom Küchentisch aus zwingen soll. Am Donnerstag wurde eine Verordnung für eine Homeoffice-Pflicht von Sozialminister Rudolf Anschober unterschrieben und dann kurz vor Mitternacht widerrufen. Aktueller Status: Telearbeit ist nicht verpflichtend, aber dringend empfohlen.

Dass derzeit auch ohne Gesetz eine große Zahl an Menschen ihren Dienst in den eigenen vier Wänden antritt, erkennt man an den vielen Bücherregalen, die durch die sozialen Medien flimmern. Sie dienen als Hintergrund der Selfies von Arbeitenden. Diese haben sie mit dem Hashtag #homeoffice versehen. In der virtuellen Auslage werden die Österreicher zu Belesenen. Man sieht Dante, man sieht die russischen Klassiker im verzinkten Stahlregal. Man sieht keine Notebooks. Sie machen die Aufnahmen.

Wird das Corona-Virus die Arbeitswelt nachhaltig verändern? Werden wir bald alle nur noch von zuhause aus arbeiten und uns bauchnabelabwärts frei bewegen? Werden wir die Geschäftsreisen einschränken und uns über Video-Konferenzen austauschen? Der deutsche Soziologe Philipp Staab ist skeptisch. Er forscht an der Humboldt Universität in Berlin zur Zukunft der Arbeit. 

Die Sache sei, meint der Professor, zumindest bei den Geschäftsreisen ganz einfach. Auf solche begebe man sich selten zum Zwecke des inhaltlichen Austausches. Viel mehr würden schon in der Hotellobby und später an der Bar Machtstrukturen verhandelt und bestätigt. „Der informelle Kontakt ist die eigentliche Währung bei diesen Trips“, sagt Staab. Wer mit dem Vorgesetzten am Abend versumpert, hat bessere Chancen beim nächsten Karrieresprung. Das Papier ist geduldig, wenn der Kater schon längst verschwunden ist.

Und die Anwesenheitspflicht am Arbeitsplatz? Dass unter realen Laborbedingungen die Arbeitnehmer gerade mehr Zeit zu Hause verbringen, anstatt in überflüssigen Meetings zu sitzen, ist ein Experiment mit unbestimmten Ausgang: „Die Leute erleben im Alltag gerade eine sanfte postkapitalistische Erfahrung: Die Bull-Shit-Elemte des Jobs, wie sinnlose Sitzungen zur Machtdemonstration der Chefs, fallen weg“, sagt Staab. Das kann dazu führen, dass die Arbeitnehmer erkennen, ungezählte ungenützte Stunden am Arbeitsplatz verbracht zu haben.

Es kann aber auch dazu führen, dass viele merken, dass es zuhause auch nicht schöner ist. Denn wo im Büro der Chef mit strengem Gesichte donnert, schaut in der Wohnung der Dante mahnend auf einen heran.

In den meisten Fällen ungelesen. Die Hölle sind immer die anderen. Da und dort.

Ich wünsche Ihnen ein fabelhaftes Wochenende,

Ihre Eva Maria Konzett

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