Vier lange Wochen - FALTER.maily #172

Lukas Matzinger
Versendet am 23.03.2020

im britischen Endzeitthriller 28 Days Later erwacht der Fahrradkurier Jim im fast menschenleeren London aus dem Koma. 28 Tage waren vergangen, seitdem ein hochansteckender Schimpanse in einem Labor eine Frau gebissen hatte. Das Virus stellt sich als mörderisch heraus, außerhalb von Jims Zimmer hat sich die Seuche in vier Wochen aufs ganze Land verbreitet.

Österreich begeht heute Woche zwei seines Ausnahmezustands. Seitdem der Bundeskanzler die Corona-Verordnung bis inklusive Ostermontag gedehnt hat, steht fest: Das Land bleibt vier Wochen lang ausgangsbeschränkt.

Ich heiße nicht Jim und wohne alleine in einer gürtelnahen Wiener Erdgeschoßwohnung. Ich bin kein Fahrradkurier, aber habe auch kein Kraftfahrzeug angemeldet und arbeite in der Stadt. Mein ganz persönlicher Katastrophenfilm schaut demnach bis auf Weiteres so aus:

Vier Wochen lang komme ich nur so weit wie mich meine Füße tragen. Vier Wochen kein Naherholungsgebiet, keine Expeditionen über die Donau und, natürlich, kein Ostern bei der Familie. Öffifahren ist zu solchen Zwecken untersagt.

Vier Wochen lang nur alleine gehen, weil ich draußen Abstand halten muss. Vier Wochen niemanden treffen, an den eine Einladung nach Hause seltsam wäre. Vier Wochen alleine essen.

Vier Wochen lang keine Kultur, kein Kino, kein Theater, keine Konzerte. Vier Wochen nicht ausgehen, nicht feiern, nicht tanzen. Vier Wochen niemanden kennenlernen, vier Wochen nicht ballspielen oder zuschauen.

Vier Wochen lang ein Mittelalterdorf in einem Browserspiel aufbauen und andere einnehmen. Vier Wochen Klopapier-Memes. Vier Wochen Videokonferenzen.

Vier Wochen lang Infizierte und Tote, Pleiten und Arbeitslose zählen.

Natürlich gehöre ich zu denen, die es gerade gut haben. Ich habe Arbeit und das, soweit ich überblicke, auch noch nach Ostern. Ich bin kein Dienstleister und nicht selbstständig, muss nicht Insolvenz anmelden und niemanden in Kurzarbeit schicken. Ich habe niemanden zu versorgen und keine Kinder zu unterrichten. Wesentlich: Ich bin jung und gesund und muss vor dem Virus keine Angst haben.

Also hoffe ich leise, dass vier Wochen ausreichen werden und bleibe gespannt, wie Sie alle ohne Friseur aussehen werden.

Lukas Matzinger

Delfine in Venedig, tödliches Ibuprofen und Heerscharen von Betrügern: Wo Fake News Menschen verunsichern, werden klare, verlässliche Informationen zu Gold. Bei einer der gefragtesten Zahlen, jene der Corona-Todesfälle, verwirren Österreichs Behörden: Bis Sonntagmittag wusste das Gesundheitsministerium von neun Toten. Da hatten die einzelnen Bundesländer, wie die Kleine Zeitung addierte, allerdings schon 16 Todesfälle verlautbart. Daraufhin, Stand Sonntag 15 Uhr, korrigierte das Gesundheitsministerium die Zahl der Gestorbenen auf 16 – da waren aus den Bundesländern allerdings schon 21 Todesfälle bekannt. Laut Kleine Zeitung bestünden "Kommunikationsprobleme zwischen Bund und Länder". Na dann.

Einfacher war es nie, ein guter Mensch zu sein – daheim bleiben und gute Musik hören. Der thematisch treffenden Seuchensongs gäbe es genug. Oder Sie lenken sich mit schöner neuer Popmusik ab: vom Liedermacher Andy Shauf aus Saskatchewan/Kanada zum Beispiel oder vom geschundenen Genie Perfume Genius. Wählen Sie weiters aus einer farbenreichen Live-Aufnahme der nächsten Single von The 1975 und dieser dunklen Überraschung der großen Österreicherin Soap&Skin.

Am Samstag wäre der dreimalige Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna 60 Jahre alt geworden. Er fuhr wie der Teufel und war den Menschen eine Lichtgestalt. Er starb am 1. Mai 1994, nach einem Unfall beim Großen Preis von San Marino. Bei einem weniger schweren als unglücklichen Aufprall hatte sich eine Strebe der Radaufhängung durch seinen Helm gebohrt. Brasilien lag drei Tage lang in Staatstrauer. Eigentlich viel länger.

Neu in unserem Podcast Falter Radio: Florian Klenk über Journalismus & Covid-19. Was die aktuelle Extremsituation für Medien und freie Presse bedeutet. Welche Rolle haben Social Media? Wie können wir uns gegen Verschwörungstheorien wehren und wie gefährlich sind autoritäre Tendenzen in Ausnahmesituationen? Die Antworten hören Sie auf falter.at/radio oder in Ihrer Podcast-App.

Hören Sie doch auch in die Falter-Radio-Folge vom Wochenende rein. Es geht um Hilfe für Folteropfer. 25 Jahre betreut die Organisation Hemayat Überlebende von Krieg und Gewalt. Wie haben sich die Bedingungen für humanitäre Unterstützung seit 1995 verändert? Nina Horaczek im Gespräch mit der Psychotherapeutin Barbara Preitler, dem Arzt Siroos Mirzaei und Hemayat-Obfrau Friedrun Huemer. Ebenfalls auf falter.at/radio oder in Ihrer Podcast-App.


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