Vernunftpanik - FALTER.maily #175

Matthias Dusini
Versendet am 26.03.2020

Da wird einem kalt ums Herz. Der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker empfiehlt in einem Falter-Interview ein rasches Ende der Ausgehbeschränkungen. „Eine solche radikale Maßnahme kann man nicht lange durchhalten“, sagt Hacker, ohne genau zu wissen, was noch auf uns zukommt. Er spricht damit eine Überlegung aus, die derzeit viele beschäftigt. Das Corona-Virus bedroht zwar Menschenleben, aber was ist mit den Konsequenzen des Shutdowns? Keine Gesellschaft kann Millionen Arbeitslose verkraften, und was geschieht mit denen, die in ihren Wohnungen verzweifeln? Wer die Welt herunterfährt, riskiert einen Zusammenbruch. Hunger und Bürgerkriege könnten unermessliches Elend anrichten. US-Präsident Donald Trump verweist auf die vielen Menschen, die an den Folgen von Armut sterben. Trump warnte – Hacker nicht unähnlich – dass die Therapie schlimmer sein könnte als Covid-19.

Es ist die Stunde der utilitaristischen Rechner. Sie blicken auf das Glück der ganzen Gesellschaft und nehmen dafür das Leid einzelner in Kauf. In Friedenszeiten gilt jede kleine Menschenrechtsverletzung als Sündenfall, im „Corona-Krieg“ lässt man schnell einmal ein paar gebrechliche und kranke Individuen über die Klinge springen. Die konkrete Tragödie wird zur „Risikogruppe“ abstrahiert. Der Autor Sascha Lobo brachte den Begriff der „Vernunftpanik“ ins Spiel, um jene Mitbürger anzuprangern, die militant auf die Ausgehbeschränkungen reagieren. Als vernunftpanisch könnte man aber auch jene bezeichnen, die den auf Immanuel Kant zurückgehenden moralischen Imperativ in Frage stellen: Du darfst nicht töten, um Leben zu retten.

 

Matthias Dusini

Herzlich

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